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Normalverdiener
Felsch hat alte Freunde eingeladen. Auf seine Insel, die vegetativ und steuerlich paradiesisch anmutet. Doch alte Freunde besuchen einen natürlich nie unkritisch. Die wissen, dass Reichtum seinen Preis hat. Für Kritik steht Felsch aber nicht zur Verfügung. Er ist schon lange keiner mehr von ihnen. Irgendwann verschwindet Johannes. Sandra zeigt Auflösungserscheinungen. Karsten versucht seine Existenz mit der Rettung von Bootsflüchtlingen zu rechtfertigen. Und Felsch? Längst schon weiter gezogen. Zurück bleiben die, die es bei zunehmender Weltkrisenkomplexität immer noch nicht geschafft haben, schnell genug in irgendeiner Versenkung zu verschwinden.

"Der Finanzmogul erscheint als der Gott unserer Zeit, auf den die Vertreter der Mittelschicht mit Angstlust starren wie das Kaninchen auf die Schlange. Er gibt den Ton an, er beherrscht die Diskussionen, er entscheidet, was knallharte Realität ist und was naives Gutmenschentum - obwohl oder gerade weil er akustisch abwesend ist: Und so fällt alles zurück auf den mehrstimmigen Chor der Feiglinge und Mitläufer, die noch nicht einmal reagieren, als die Leichen von Bootsflüchtlingen vor der Küste angeschwemmt werden, und sich statt dessen mit den fadenscheinigsten Rechtfertigungen vor der Verantwortung drücken. Kathrin Rögglas Verfahren, das Personal ihres Hörspiels fast durchgehend im Konjunktiv sprechen zu lassen, ist entlarvender als jeder kritische Diskurs und jede Psychologisierung. Ihr Zugriff auf Sprechweisen, die ungefiltert ins Ohr dringen, macht sich die Möglichkeiten des akustischen Mediums in besonderer Weise zunutze. Mit dieser subjektlosen ästhetischen Methode zielt „Normalverdiener“ ins Herz der globalen Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse." (Aus der Jurybegründung zum Hörspiel des Monats 2016)
Uraufführung:
8.10.2017 | ETA Hofmann Theater, Bamberg
Regie: Leopold von Verschuer
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