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Faust :: Mein Brustkorb : Mein Helm
2 D, 5 H, 1 Dek
Den Anfang macht ein altbekanntes Bild: Auch Werner Schwabs Faust sinniert in seiner Studierstube. Aber er formt dabei eine neue Deutung des „zwei Seelen, ach in meiner Brust“: Man braucht zwei Seelen, damit die Selbstliebe sowohl Absender wie Adressat hat.
Schwabs Variante ist eine Version des wuchtigen Stoffes nach Nietzsche. Gott hat sich erschossen, dessen ist sich Mephisto sicher. Die gesammelten Kenntnisse der Wissenschaft bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, Defätismus und Nihilismus inklusive, schwingen mit. Ebenso wie Modernismen: Margarethe steht in einer Telefonzelle. Schwab spielt mit Motiven aus Goethes „Faust“ und er tränkt sie mit all dem, was man bei Schwab erwarten darf: Schimpfwortkanonaden, brutale Sexualität, Fäkalien, und den fatalen Opportunismus der Figuren. Seine Version ist dabei nicht minder ein Fest der Sprache, wenn auch selbstverständlich einer überbordenden Sprache. Die sie benutzen, deformieren sie, nicht zuletzt als Replik auf eine Welt, die selbst deformiert ist. Philosophie erscheint wie Morast, durch den man watet und in den man versinkt.
Das Altern, schon bei Goethe Thema, trifft hier nicht nur Faust. Mephisto und Margarethe geben das neue mörderische Traumpaar. Margarethe ist erwachsen und dem sanften Bild von Gretchen entwachsen. Die Geriatrie ist Ausgangs- und Endpunkt von diesem Faust.
„Ach ja, die alten Fragen des Lebensjoghurts, woher die Existenzmilch kommen mag.“ (Wagner)
Uraufführung:
Oktober 1994 | Hans-Otto-Theater, Potsdam
Regie: T. Thieme
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