Harald Kislinger

DRAMA @ HOME Mikrodramen: EDWARD HOPPER oder der Hygieneabstand

2 Personen.

Ein Mann + eine Frau.
Spot auf sie.
Weit auseinander.
Jeder spricht in sein Handy.

 

 

Frau: Und deswegen rufst du mich an?
Mann: Ja.
Frau: Wegen Edward Hopper?
Mann: Er ist zur Zeit der Künstler der Stunde.
Frau: Und wie interpretierst du das?
Mann: Diese Leere.
Frau: Welche Leere?
Mann: Die leeren Straßen und die Leute auf Distanz.
Frau: Die Vereinzelung meinst du?
Mann: Genau.
Frau: Da ist sicher was dran.
Mann: Auf jeden Fall.
Frau: Und wie geht’s dir so?
Mann: Ich geh jeden Tag in der Früh rauf auf den Wilhelminenberg zum steinernen Jesus auf dem Ottakringer Friedhof.
Frau: Diese Gegend ist für mich zu belastet.
Mann: Ich weiß.
Frau: Da hängen viele negative Erinnerungen dran.
Mann: Bin neugierig, wie lange es dauern wird?
Frau: Ich geh noch zur Arbeit.
Mann: Trägst du auch eine Schutzmaske?
Frau: Ja.
Mann: Und was tust du sonst so?
Frau: Ich treff dann und wann meine Freundin Mathilde im Türkenschanzpark.
Mann: Ich meide jeden Kontakt.
Frau: Kommt das deinem Wesen nicht entgegen?
Mann: Im Alter werde ich immer geselliger.
Frau: Aha.
Mann: Du klingst sehr distanziert.
Frau: Es ist viel vorgefallen zwischen uns.
Mann: Ich war ehrlich.
Frau: Deine Ehrlichkeit war schwer zu verdauen.
Mann: Ich mußte ehrlich sein.
Frau: Jetzt verbringen wir alle unsere Abende meistens alleine.
Mann: Ich hör Radio Wien, alte Schmachtfetzen der Popkultur.
Frau: Mein Sender ist Ö 1 wie du weißt.
Mann: Wiegesagt, oft habe ich an die menschenleeren Landschaftsbilder von Edward Hopper in den letzten Tagen gedacht.
Frau: Schön, daß dich die Kunst noch inspiriert.
Mann: Der S.Fischer-Verlag hat mich angeschrieben.
Frau: Dein alter Verlag.
Mann: Sie wünschen sich von ihren Autoren Minidramen zur allgemeinen Situation.
Frau: Und, fällt dir dazu was ein?
Mann: Ich hab an die Bilder von Edward Hopper gedacht.
Frau: Willst du darüber etwas schreiben?
Mann: Die Gestalten bei Hopper haben das, was man in diesen Tagen wohl den Hygienesabstand nennt.
Frau: Gut festgestellt.
Mann: Eine Infektionsgefahr wegen zuviel Zwischenmenschlichkeit gibt es bei Hopper nicht, hat ein Kritiker neulich hier bei uns in Wien geschrieben.
Frau: Ich kenne nur ein paar Bilder von Hopper.
Mann: Die klassischen?
Frau: Genau.
Mann: Ich werde dieses Minidrama in meiner neuen lakonischen Form übrigens schreiben.
Frau: Kein Sprachtumult mehr?
Mann: Ein Satz muß reichen.
Frau: Weniger ist mehr.
Mann: Aussparen.
Frau: So wie das Stück, das du mir voriges Jahr im Frühling lesen hast lassen?
Mann: Ja.
Frau: Damals las ich noch deine Sachen.
Mann: Ich bin dir dankbar dafür.
Frau: Ich habs gern getan.
Mann: Und ich denke gerne an diese Zeit zurück.
Frau: Ich leb im hier und jetzt.
Mann: Manchmal gestatte ich mir schon eine schöne Erinnerung.
Frau: Ich wünsch dir jedenfalls viel Erfolg.
Mann: Jetzt müssen wir das auch noch erleben.
Frau: Diese Coronakrise belastet mich zusätzlich.
Mann: Vielleicht steckt mehr dahinter?
Frau: Darüber mach ich mir keine Gedanken.
Mann: Die Welt fährt den Kapitalismus herunter.
Frau: Um ihn dann wieder neu anzuwerfen.
Mann: Wir werden sehen, was rauskommt dabei.
Frau: Nach dem Coronavirus kommen wieder die ganz normalen Katastrophen.
Mann: Das hängt alles zusammen.
Frau: Würden wir nur die Umwelt genauso schützen wir uns gerade schützen.
Mann: Lange haben wir uns nicht mehr gesehen, über ein halbes Jahr.
Frau: Ich brauche Abstand.
Mann: Ja.
Frau: Ich glaub, diese saubere Distanz tut uns jetzt beiden gut.
Mann: Ich versteh dich.
Frau: Wirklich?
Mann: Ich versteh dich wirklich.
Frau: Dann bin ich beruhigt.
Mann: Hast du etwas anderes gedacht?
Frau: Ich hab gedacht, du bist böse auf mich.
Mann: Ich bin nicht böse auf dich.
Frau: Ich hab gedacht, du haßt mich jetzt.
Mann: Ich hasse dich nicht.
Frau: Vielleicht ist diese Krise nötig.
Mann: Sie trennt und verbindet uns zugleich.
Frau: Man geht auf Distanz.
Mann: Ja.
Frau: Man hat viel Zeit zum Nachdenken.
Mann: Wenn ich an Hopper denke, denke ich auch an die alten Filme von Wim Wenders.
Frau: Ich kenn von Wenders nur diesen Film mit Nastassja Kinski.
Mann: Paris Texas.
Frau: Ein wunderschöner Film.
Mann: Sam Shepard schrieb das Drehbuch.
Frau: Magst du Sam Shepard?
Mann: Als ich anfing zu schreiben, war er eins meiner großen Vorbilder.
Frau: Er ist, glaub ich, schon gestorben.
Mann: Seine Sachen erschienen auch bei S.Fischer.
Frau: Aha.
Mann: Im ersten Band von TheaterTheater wurden sein Stück „Die unsichtbare Hand“ und mein Sprachrocker „Heimatstöhnen“ abgedruckt.
Frau: Wann war das?
Mann: Oktober 1991.
Frau: Lang ists her.
Mann: Er hat auch ein zweites Drehbuch für Wenders geschrieben.
Frau: Kennst du noch andere Filme von Wenders?
Mann: Mein Lieblingsfilm von Wenders ist „Im Lauf der Zeit“.
Frau: Ich bin eigentlich jetzt sehr müde.
Mann: Ich wünsch dir jedenfalls das Allerbeste.
Frau: Ich dir auch.
Mann: Gute Nacht.
Frau: Gute Nacht.

 

Beide beenden das Gespräch.
Starren lange.
Vereinzelt sitzen sie da wie auf einem Gemälde von Edward Hopper.
Ganz langsam verschwinden sie im Dunkel.

 

© Rechte liegen bei dem Autor

 

Pro Tag wird ein Mikrodrama veröffentlicht. Auf unserer Website befinden sich die vollständigen Stücke zur Ansicht. Einen kleinen Vorgeschmack bieten die "Teaser" auf Instagram und Twitter. Gerne senden wir aber auch pdf-Dateien zu; einfach theater@fischerverlage.de anschreiben. Wir freuen uns über alle Filme, Bilder, Dokumentationen dieses dramatischen Experiments, die mit uns geteilt werden. #dasdramaverbindet #dasdramalebt #dankanalle


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