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Lisa Sommerfeldt

Wenn das Ideal der Gleichberechtigung an der Realität zerschellt.

Wenn das Ideal der Gleichberechtigung an der Realität zerschellt: Lisa Sommerfeldt seziert in ihrem einschneidenden Hörspiel GEHEN LERNEN eine Familie, die durch die äußeren Strukturen zugrunde geht. In ihrem aufwühlenden Debütroman „schlaglichter“ webt sich diese Geschichte ein in ein Geflecht aus 22 Erzählungen.

Porträt einer Frau mit halblangem, welligem blondem Haar und blauen Augen. Sie blickt direkt in die Kamera, stützt den Kopf mit einer Hand ab und trägt einen dunkelblauen Pullover mit Punktmuster. © Janine Guldener

„Ein Kind. Unser Kind. […] Das Kind als unsere Verbindung. Für immer zusammenbleiben. Alles für dieses Kind tun. Nie wieder allein sein.“

Was als Merets und Lorenz’ Traumvorstellung einer großen, gleichberechtigten Familie beginnt, wird letztendlich zu einem existenziellen Überlebenskampf – für Meret. Sie sind jung, als sie Eltern werden, und fest entschlossen, die Verantwortung fair zu teilen: Beide in Teilzeit, beide auf Augenhöhe. „Andere schaffen das doch auch“, glaubt Lorenz.

Doch zwischen dem ersten und dem vierten Kind holt die Realität sie brutal ein. Der Alltag wird zum reinen Funktionieren inmitten von Organisation und Konflikten. Schließlich resigniert Meret: „Dann bin ich jetzt also Hausfrau.“ Es sind nicht die Kinder, die ihr Ideal der Gleichberechtigung scheitern lassen – es sind die gesellschaftlichen Strukturen. Während Meret ihre beruflichen Ziele opfert, entfernt sich Lorenz durch seinen Job immer weiter von der Familie, ist kaum noch zu Hause, verpasst viele Meilensteine der Kinder.

Es ist genau die bittere Dynamik, die das WDR-Hörspiel GEHEN LERNEN so schmerzhaft präzise einfängt. Die Süddeutsche Zeitung schreibt: „Stück für Stück reißt Sommerfeldt dieses Ideal ein. Das mit der Gleichberechtigung klappt eben nicht. Aus strukturellen Gründen, aus pragmatischen Gründen, aus individuellen Gründen.“ Nach der Trennung offenbart sich für Meret schließlich der wahre Albtraum. Sie sitzt in einer ausweglosen, strukturellen Falle. Mit vier Kindern findet sie keine bezahlbare Wohnung, aber auch keinen Job, der mit der Kinderbetreuung im Woche/ Woche Modell vereinbar wäre. Das Amt kann ihr auch nicht helfen. Eine Sackgasse geradewegs in die Altersarmut zwingt sie zu einer tabuisierten Entscheidung.

So eindringlich wie GEHEN LERNEN sich ins Ohr einbrennt, so sehr wird auch deutlich: Dieser Text gehört auf die Bühne!

Die Geschichte von Meret und Lorenz ist jedoch kein isoliertes Schicksal, sondern Teil eines  größeren Ganzen: In ihrem brillanten Debütroman schlaglichter verwebt Lisa Sommerfeldt die Erzählungen ihrer Protagonist:innen zu einem dichten literarischen Geflecht aus 22 Geschichten. Die Figuren sind getrieben von der Sehnsucht, aus ihren erdrückenden Realitäten auszubrechen. Im Scheinwerferlicht sehen wir für einen kurzen Augenblick alles von ihnen, gehen mit ihnen in ihr dunkelstes Innere. Merets und Lorenz‘ Erzählung ist hier einer der Fäden, die zeigen, wie präzise Lisa Sommerfeldt existenzielle Beziehungsdynamiken auseinandernimmt. Und immer wieder blitzt ein Funke Hoffnung auf.

Das Buchcover zeigt vor einem rot-verlaufenden Hintergrund den Titel „schlaglichter Roman“ von Lisa Sommerfeldt sowie drei Kreise mit schwarz-weißen Skizzen: ein Auto, ein Gesicht und einen Hund.
© parasiten presse
© Janine Guldener

Lisa Sommerfeldt

Lisa Sommerfeldt schreibt Theaterstücke und Hörspiele. Als Dramatikerin sieht sie sich als Teil des erweiterten Ensembles, ihre Texte entstehen in enger Zusammenarbeit mit Dramaturgie und Regie. Zahlreiche Auftragswerke für Theater, unter anderem für die Kulturstiftung von Landestheater Eisenach und Staatstheater Meiningen, das Theater Ulm, das Theater der Stadt Aalen, das Theater Altenburg Gera und die Oper Bonn sind entstanden. Für ihre Werke wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u.a. war sie 2017 Stipendiatin der Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur im Künstlerhaus Edenkoben, 18/19 Stipendiatin des 1:1 Mentoring der NRW Literaturbüros und 2019 des Künstlerhofes Schreyahn. 2020 erhielt sie ein Arbeitsstipendium des Landes NRW. Außerdem war Lisa Sommerfeldt 2021 Stipendiatin der Villa Decius in Krakau und erhielt ein INITIAL Sonderstipendium der Akademie der Künste. 2022 wurde ihr Stück „Mädchen mit Hutschachtel“ an der Badischen Landesbühne uraufgeführt. Im selben Jahr erhielt sie ein Hörspiel-Stipendium der Film- und Medienstiftung NRW. In der WDR-Audiothek kann man ihre Hörspiele „wing.suit“, „Dorfdisco“ und „stadt.land.fluss oder die konstruktion der liebe“ abrufen. Hörspiele von Lisa Sommerfeldt wurden vom Bayerischen Rundfunk, von Deutschlandfunk Kultur, ORF und RAI Südtirol (Radiotelevisione Italiana) übernommen. Stücke von ihr wurden ins Polnische, Englische, Französische und Russische übersetzt.

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