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Fokus
Lisa Sommerfeldt
Wenn das Ideal der Gleichberechtigung an der Realität zerschellt.
„Ein Kind. Unser Kind. […] Das Kind als unsere Verbindung. Für immer zusammenbleiben. Alles für dieses Kind tun. Nie wieder allein sein.“
Was als Merets und Lorenz’ Traumvorstellung einer großen, gleichberechtigten Familie beginnt, wird letztendlich zu einem existenziellen Überlebenskampf – für Meret. Sie sind jung, als sie Eltern werden, und fest entschlossen, die Verantwortung fair zu teilen: Beide in Teilzeit, beide auf Augenhöhe. „Andere schaffen das doch auch“, glaubt Lorenz.
Doch zwischen dem ersten und dem vierten Kind holt die Realität sie brutal ein. Der Alltag wird zum reinen Funktionieren inmitten von Organisation und Konflikten. Schließlich resigniert Meret: „Dann bin ich jetzt also Hausfrau.“ Es sind nicht die Kinder, die ihr Ideal der Gleichberechtigung scheitern lassen – es sind die gesellschaftlichen Strukturen. Während Meret ihre beruflichen Ziele opfert, entfernt sich Lorenz durch seinen Job immer weiter von der Familie, ist kaum noch zu Hause, verpasst viele Meilensteine der Kinder.
Es ist genau die bittere Dynamik, die das WDR-Hörspiel GEHEN LERNEN so schmerzhaft präzise einfängt. Die Süddeutsche Zeitung schreibt: „Stück für Stück reißt Sommerfeldt dieses Ideal ein. Das mit der Gleichberechtigung klappt eben nicht. Aus strukturellen Gründen, aus pragmatischen Gründen, aus individuellen Gründen.“ Nach der Trennung offenbart sich für Meret schließlich der wahre Albtraum. Sie sitzt in einer ausweglosen, strukturellen Falle. Mit vier Kindern findet sie keine bezahlbare Wohnung, aber auch keinen Job, der mit der Kinderbetreuung im Woche/ Woche Modell vereinbar wäre. Das Amt kann ihr auch nicht helfen. Eine Sackgasse geradewegs in die Altersarmut zwingt sie zu einer tabuisierten Entscheidung.
So eindringlich wie GEHEN LERNEN sich ins Ohr einbrennt, so sehr wird auch deutlich: Dieser Text gehört auf die Bühne!
Die Geschichte von Meret und Lorenz ist jedoch kein isoliertes Schicksal, sondern Teil eines größeren Ganzen: In ihrem brillanten Debütroman schlaglichter verwebt Lisa Sommerfeldt die Erzählungen ihrer Protagonist:innen zu einem dichten literarischen Geflecht aus 22 Geschichten. Die Figuren sind getrieben von der Sehnsucht, aus ihren erdrückenden Realitäten auszubrechen. Im Scheinwerferlicht sehen wir für einen kurzen Augenblick alles von ihnen, gehen mit ihnen in ihr dunkelstes Innere. Merets und Lorenz‘ Erzählung ist hier einer der Fäden, die zeigen, wie präzise Lisa Sommerfeldt existenzielle Beziehungsdynamiken auseinandernimmt. Und immer wieder blitzt ein Funke Hoffnung auf.