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Roland Schimmelpfennig

Die Argonauten, Iason, Medea und ‘Der goldene Lappen’ Roland Schimmelpfennigs neue Antikenserie FREMDE SONNE.

Anlässlich der Uraufführung des neuen Antikenzyklus am Deutschen Schauspielhaus Hamburg veröffentiichen wir einen Auszug aus dem Nachwort von Sybille Meier aus dem Band „Roland Schimmelpfennig FREMDE SONNE. Die Argonauten. Iason. Medea.“ Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main, 2026.

Auf einer abgedunkelten Bühne steht ein Mann mit Schaufel im flachen Wasser. Sein Arm ist blutig. Daneben springt eine Frau im hellen Body rückwärts in die Luft, sodass Wassertropfen effektvoll hochspritzen. © Monika Ritterhaus

Die Argonauten, Iason, Medea und ‘Der goldene Lappen’

Roland Schimmelpfennigs neue Antikenserie FREMDE SONNE.

“Nachdem wir in Anthropolis den Gründungsmythos der abendländischen Zivilisation samt seiner tragischen Folgen am Beispiel der Stadt Theben künstlerisch bearbeitet hatten, nahmen wir uns für Fremde Sonne die Ur-Erzählung imperialer Unternehmungen eben jener Zivilisation vor. In der Argonautensaga fanden wir den Stoff, der uns als Fortsetzungsstaffel unserer Auseinandersetzung mit der Gegenwart im Spiegel mythologischer Sujets folgerichtig erschien. Der Mythos von der Fahrt ins unbekannte Land Kolchis an der Schwarzmeerküste beinhaltet die erste uns aus der Antike bekannte geopolitische Expedition. War es ein getarnter Feldzug? Eine militärische Operation? Eine ökonomische Irrfahrt? Die Reise der Argonauten unter der Leitung eines gewissen Iason aus Iolkos zur „Rückholung“ eines sagenumwobenen, geheimnisvollen, polyvalenten goldenen Vlieses als Zukunftsgarant und Wunderwaffe gerät allerdings zur katastrophalen Fahrt in den Untergang. Sie endet „ohne Ankunft. NO PARKING.“, wie Heiner Müller in Medeamaterial treffend formuliert. Nur der „barbarischen“ Kolcherin Medea ist es schließlich zu verdanken, dass das Vlies am Ende nach Griechenland gelangt. Sie ist es, die mithilfe ihrer an der dunklen Schwellengöttin Hekate geschulten Zauberkünste Iason zur Flucht und zum Raub des goldenen Vlieses verhilft. Doch einmal in den Besitz der „zivilisierten“ Kultur der Griechen übergegangen, verliert das Vlies seine symbolische Kraft. Zurück bleibt eine „leere Hülle“, die aus der Erzählung an den Sternenhimmel verschwindet und ihre magischen Fähigkeiten an Medea abgibt. Symbole lassen sich nicht einfach von einer Kultur in die andere transferieren. Übrig bleibt ein ranziges Fell für die graue Welt der Warenströme und des materiellen Überflusses.

Die weitreichenden inner- und außerpolitischen Folgen der argonautischen „Mission impossible“ dringen mit der Begegnung von Iason und Medea auch in den intimsten Privatraum vor. Das Paar klammert sich, von Eros‘ Pfeil getroffen, aneinander und an der Hoffnung fest, sich zusammen aus der erdrückenden kulturellen Einhegung lösen zu können. Doch das geht gründlich schief. Die Unglücksliebesgeschichte ist vom ersten Moment an zum Scheitern verurteilt. In Iasons und Medeas Ineinanderkrallen in Kolchis sind die Konflikte und Fallstricke des tragischen Schiffbruchs bereits angelegt, den sie später im griechischen Korinth erleiden werden. Sie bleiben einander fremd, was zwar das gegenseitige Begehren potenziert, aber den Integrationsversuch auf sozialer, politischer und familiärer Ebene gründlich scheitern lässt.

[...]

Die Bearbeitung des Argonautenstoffes in Fremde Sonne stellt den Autor Roland Schimmelpfennig vor die große Herausforderung, aus epischem Material und anderer Mythenprosa einen Theater-Text zu destillieren. Bis auf Medea in Korinth: Die verlorenen Kinder nach Euripides / Grillparzer existieren keine antiken Tragödienvorlagen, deren geschlossene Dramenform hätte den einzelnen Folgen von Fremde Sonne zugrunde gelegt werden können. Doch gerade dieser dramatische Vorlagenmangel gibt Roland Schimmelpfennig die sehr viel größere schriftstellerische Freiheit, statt Tragödien-Überschreibungen moderne Sprechpartituren zu erfinden, die von einer strengen Einordnung in Genres oder Textsorten befreit sind.”

Auszug aus dem Nachwort von Sybille Meier aus Roland Schimmelpfennig FREMDE SONNE. Die Argonauten. Iason. Medea. Frankfurt am Main, 2026. 

FREMDE SONNE beinhaltet: 
Die Argonauten
Medea in Kolchis
Medea in Korinth
Medea in Athen

Weitere Informationen zur Produktion am Deutschen Schauspielhaus Hamburg finden Sie hier.

Auf einer dunklen Bühne stehen zwei Schauspieler, verheddert in unzähligen schwarzen Bändern. Oben schreit eine Person mit Hörnern auf dem Kopf, darunter blickt ein Mann im weißen Unterhemd angespannt vor.
© Monika Rittershaus
© Adriana Jacome

Roland Schimmelpfennig

Roland Schimmelpfennig, geboren 1967 in Göttingen, ist Autor, Regisseur und vor allem einer der meistgespielten Gegenwartsdramatiker Deutschlands. Er studierte, nach einem längeren Aufenthalt als Journalist in Istanbul, Regie an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Seither schreibt er Theaterstücke für große Häuser wie das Deutsche Theater Berlin, das Burgtheater Wien, das Residenztheater München und das Schauspielhaus Hamburg – aber auch für internationale Bühnen in Stockholm, Kopenhagen, Toronto oder Tokio. Seine Theaterstücke – darunter auch viel gespielte Texte für das Kinder- und Jugendtheater - werden immer wieder mit Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem renommierten Mülheimer Dramatikerpreis. Im S. Fischer Verlag erschien zuletzt Roland Schimmelpfennigs vierter Roman Sie wartet, aber sie weiß nicht auf, auf wen.
Roland Schimmelpfennig lebt in Berlin und Valencia.


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