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Tennessee Williams

Endstation Sehnsucht: Tennessee Williams ist zurück bei S. Fischer!

Endlich ist es offiziell: Nach 30 Jahren kehrt das im wahrsten Sinne des Wortes große dramatische Werk von Tennessee Williams zurück zu S. Fischer. Tennessee Williams, einer der bedeutendsten Theaterautoren des 20. Jahrhunderts, begründete einst zusammen mit Autoren wie Eugene O'Neill, Arthur Miller oder Thornton Wilder die Tradition unseres Theaterverlages als Heimat der großen amerikanischen Dramatik. Von hier aus begannen diese Autoren ihre erfolgreichen Karrieren an deutschsprachigen Bühnen. An diese Tradition knüpfte S. Fischer über die Jahrzehnte kontinuierlich an - mit Autoren wie Edward Albee und Sam Shepard, mit Tony Kushner, Tracy Letts und in jüngerer Zeit z. B. mit Matthew López. Mit der Rückkehr von Tennessee Williams in diese Tradition schließt sich nun eine Lücke, die uns lange geschmerzt hat.

Sieben Bücher des Autors Tennessee Williams, darunter „Die Glasmenagerie“ und „A Streetcar Named Desire“, liegen kreuz und quer auf einem hellen Textiluntergrund mit einem pink-orangen Leopardenmuster.

Rund 100 Theaterstücke und Hörspiele umfasst Tennessee Williams’ Werk. Neben seinen häufig gespielten modernen Klassikern gibt es noch viel zu entdecken, wiederzuentdecken oder auch wiederzubeleben. Deshalb haben wir während der letzten Monate viel Zeit damit verbracht, diesen riesigen dramatischen Schatz zu sichten, zu lesen und auch darauf hin zu untersuchen, wie wir ihn behutsam auch für das gegenwärtige Theater erschließen können. Zum Beispiel durch Neu-Übersetzungen. Angefangen haben wir mit zehn der bekanntesten und häufig gespielten Stücke. So übersetzt Frank Heibert “Die Katze auf dem heißen Blechdach”, “Die Glasmenagerie” und “Endstation Sehnsucht” neu. John Birke überträgt “Süßer Vogel Jugend” und Anna Opel “Die tätowierte Rose” ins Deutsche. Wir konnten Wilke Weermann für Neuübersetzungen von “Plötzlich letzten Sommer” und “Etwas Unausgesprochenes” und Andreas Marber für “Camino Real” gewinnen. “Die Nacht des Leguan” und “Orpheus steigt herab” sind bei Hannes Becker in erfahrenen Übersetzer-Händen. Alle Neu-Übersetzungen werden spätestens bis zum Jahresende vorliegen - neben früheren und bewährten Übersetzungen von u.a. Bernd Schmidt, Jörn van Dyck, Inge und Gottfried Greiffenhagen oder Nina Adler.  

Der Countdown läuft: Ab sofort können  Aufführungsverträge für Inszenierungen ab der Saison 2027/2028 bei uns angefordert werden, ebenso merken wir alle Bestellungen der neu-übersetzten Stücke gerne jederzeit vor. 

DIE ZEITLOSE WELT EINES THEATERSTÜCKS

von Tennessee Williams

CARSON MCCULLERS schließt eines ihrer lyrischen Gedichte mit der Zeile: „Time, the endless idiot, runs screaming ‘round the world.“ Es ist dieser unaufhörliche Lauf der Zeit, der so heftig ist, dass er zu schreien scheint, der unserem tatsächlichen Leben so viel Würde und Sinn raubt, und es ist vielleicht mehr als alles andere das Anhalten der Zeit, das in einem vollendeten Kunstwerk stattgefunden hat, das bestimmten Theaterstücken ihr Gefühl von Tiefe und Bedeutung verleiht.[...]

In einem Theaterstück wird die Zeit in dem Sinne angehalten, dass sie eingeschlossen ist. Durch eine Art Taschenspielertrick werden Ereignisse dazu gebracht, Ereignisse zu bleiben, anstatt so schnell auf bloße Begebenheiten reduziert zu werden. Das Publikum kann sich in einer behaglichen Dämmerung zurücklehnen und eine Welt betrachten, die von Licht durchflutet ist und in der Emotionen und Handlungen eine Dimension und Würde besitzen, die sie im wirklichen Leben hätten, wenn nur die Zeit ausgesperrt werden könnte.[...]

So erfolgreich haben wir vor uns selbst die Intensität unserer eigenen Gefühle, die Empfindsamkeit unserer eigenen Herzen verschleiert, dass uns die Stücke der tragischen Tradition mittlerweile unwahr erscheinen. Für ein paar Stunden mögen wir uns einer Welt heftig beleuchteter, miteinander kollidierender Werte hingeben, doch sobald die Bühne abgedeckt und der Zuschauerraum erhellt ist, stellt sich fast augenblicklich ein Rückschlag der Ungläubigkeit ein. „ „Na, na!“, sagen wir, während wir den Gang entlang schlurfen, während das Stück hinter uns in der plötzlichen Perspektive eines frühen Chirico-Gemäldes verblasst. Spätestens wenn wir bei Sardi’s angekommen sind – wenn nicht schon, sobald wir unter dem Vordach hindurchgehen –, haben wir uns erneut davon überzeugt, dass das Leben ebenso wenig Ähnlichkeit mit den seltsam bewegenden und bedeutungsvollen Geschehnissen auf der Bühne hat wie ein Werbejingle mit einer Elegie von Rilke.[...]

Diese moderne Verfassung seines Theaterpublikums ist etwas, das ein Autor im Voraus wissen muss. Der schmälernde Einfluss des Zerstörers des Lebens, der Zeit, muss irgendwie in den Kontext seines Stücks eingearbeitet werden. Vielleicht ist es eine gewisse Albernheit, eine gewisse Verzerrung hin zum Grotesken, die ihm das Problem lösen wird. Vielleicht ist es nur Zurückhaltung, ein Dämpfer auf die Saiten, die alle Grenzen sprengen möchten. Aber fast sicher – es sei denn, es gelingt ihm auf irgendeine Weise, die Dimensionen seiner Tragödie mit den Dimensionen einer Welt in Einklang zu bringen, in der die Zeit enthalten ist – wird er inmitten seiner prächtigen Trümmer auf einer dunklen Bühne zurückbleiben und vor sich hin murmeln: „Diese Narren …“

Und wenn sie ihn über das Klappern von Stimmen, Gläsern, Porzellan und Silber hinweg hören könnten, würden sie ihm diese Antwort geben: „Aber du hast uns eine Welt gezeigt, die nicht von der Zeit gezeichnet ist. Wir bewundern deine Unschuld. Doch wir haben unsere Fotos gesehen, aus Vergangenheit und Gegenwart. Gestern Abend sind wir auf der Straße an unserer ersten Frau vorbeigekommen. Wir haben gelächelt, während wir sprachen, aber wir haben sie nicht wirklich gesehen! Es ist schade, aber wir wissen, was wahr ist und was nicht, und um 3 Uhr morgen früh wird deine Schande in der Zeitung stehen!“

Vorwort aus dem Stück „Die tätowierte Rose“ © 1951 by Tennesse Williams, revised and published version

 

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