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Interview

Katja Riemann & Paula Romy

DI•VI•SI•ON – im Gespräch mit Katja Riemann und Paula Romy

DI•VI•SI•ON von Katja Riemann und Paula Romy ist ein wütender, dabei auch immer humorvoller und kraftvoller Text mit Haltung. Das Stück verbindet zeitgeistige und feministische Diskurse mit einer packenden Science-Fiction-Story. Im Interview sprechen die beiden über ihre provokante Hauptfigur, die Manosphäre und darüber, was sie zum Schreiben bewegt hat.

Zwei Frauen stehen in den leeren Zuschauerrängen eines klassischen, alten Theaters. Links eine Frau mit Lederjacke und weißem Hemd, rechts eine Frau mit blonden Locken, schwarzem T-Shirt und pinker Hose. © MKnickriem

Oliver Franke (OF): Liebe Katja, liebe Paula, euer Theaterstück-Debüt DI•VI•SI•ON handelt von der Humangenetikerin Seraphina, die ein revolutionäres Produkt erfunden hat, das Frauen reproduktive Freiheit schenkt und Männer explodieren lässt. Ein abgründig-humorvoller, sehr nahbarer und auch unglaublich wütender Text. Wie seid ihr auf eure Hauptfigur Seraphina gestoßen? Wie würdet ihr sie beschreiben?

Katja Riemann und Paula Romy (R): Wir hatten Lust eine Wissenschaftlerin, einen Nerd zu erfinden. Eine Person, deren Ansichten umstritten sein können, die provoziert in ihrer Unerbittlichkeit, eine Anti-Heldin sozusagen. Die Figur Seraphina hat sich uns mit der Entwicklung der Geschichte offenbart. Wir kannten das Thema. Paula schlug das Genre vor. Wir wussten, wir hätten nur eine Schauspielerin. Sie würde die Geschichte erzählen, sie würde über Wissenschaft und Medizin sprechen, über gesellschaftliche Strukturen und das geht selbstredend besser, wenn sie von sich selbst und der eigenen Biographie erzählt, weil emotionaler, konkreter.
Die Frage, die sich schnell als Hypothese herauskristallisierte und der wir als rotem Faden folgten, war: Was, wenn es eine biologische Gleichstellung zwischen Mann und Frau gäbe. Was passierte mit und in der Gesellschaft? Es war offensichtlich, wer die Antagonisten zu dieser Frage sein würden: Die Religiösen und die Rechten. 

Wer sind die Liebsten in Seraphinas Leben? Bruder und Tochter. Der Mann ist weg, hat sich mit ü60 nochmal fortgepflanzt mit einer Frau, die jünger ist, als seine eigene Tochter. Wir fragten uns schließlich, worum geht es wirklich, hinter der biologischen Gleichstellungsphantasie, und auch das haben wir herausgefunden und in einen Monolog für Seraphina verpackt.
Wenn wir Adjektive für die Beschreibung unserer Hauptfigur verwenden müssen, dann wären diese: klug, smart, leidenschaftlich, provokant. Man kann beileibe nicht allem zustimmen, das sie sagt, weswegen die beiden Korrektoren Bruder und Tochter auftauchen und sie herausfordern und Gegenpositionen beziehen, denn wer spricht noch geradeaus mit einer erfolgreichen Person, wenn nicht die Liebsten. 

 

OF: Das Stück wurde letztes Jahr am Renaissance-Theater in Berlin sehr erfolgreich uraufgeführt. Damals war der Strafprozess von Gisèle Pelicot gegen ihren Ehemann und Dutzende weiterer Mittäter noch nicht lange her. Ihr Satz “Die Scham muss die Seite wechseln” war eindringlich. Sexualisierte Gewalt, Objektivierung, Misogynie, Feminzide und strukturelle Unterdrückung sind nach wie vor Alltag und werden auch in DI•VI•SI•ON aufgegriffen. Wie haben diese Themen euer Schreibprozess beeinflusst? 

R: Nun, diese Themen haben uns nicht beeinflusst, sie sind der Inhalt unseres Stückes. Das Genre des Sci-Fi und den partiell komödiantischen Ton haben wir verwendet, um genau diese Themen zu beleuchten und Fakten zu benennen.
Unsere wissenschaftliche Expertin dabei, war die indisch-britische Wissenschaftsjournalistin Angela Saini, die Bücher über Patriarchate, sexistische Medizin und Rassismus geschrieben hat. 
Oft wird ja gedacht, dass Feminismus Frauensache sei, dass demokratische Gesellschaften schon soviel erreicht haben - und außerdem: not all men. Wir haben uns bemüht diese Themen frisch anzugehen, verkleidet in einen Science-Fiction-Future-Anzug, damit wir die Informationen durch Gelächter oder überhöhtes Spiel, in das Gedächtnis der Zuschauenden tropfen lassen, die beispielsweise vergessen haben, dass die Erfindung des Patriarchats der Unterdrückung männlicher Konkurrenten durch die Eliten entsprang.
Wesentlich für unseren Text war das Zusammenrücken von Religion, rechter Gesinnung und der Manosphäre. Dafür haben wir eine Sekte erfunden, die Seraphina anklagt, das „Natürliche“ zerstören zu wollen, sodass das Herz des Theaterabends ein Gerichtsprozess ist. Und, kurze Frage: „Wer ist der Bestimmer über das Natürlich-sein? Ist Krieg oder Geld natürlich?“

 

OF: DI•VI•SI•ON ist euer erstes Theaterstück. Paula, du hast das erste Mal für die Bühne inszeniert. Was interessiert euch an der Dramatik und am Theater? Welche Erkenntnisse könnt ihr aus eurer ersten künstlerischen Zusammenarbeit für die Bühne ziehen? 

R: Im Theaterraum kann man abstrakter denken und schreiben, überhöhter inszenieren und spielen. Das haben wir uns zunutze gemacht und letztlich einen Essay geschrieben, den wir gebrochen haben durch Gespräche mit Bruder und Tochter. In unserer Inszenierung gibt es den Bruder nur als Audiostimme, Telefon quasi, und die Tochter über Video, facetime  sozusagen, sodass wir zwar inhaltlich wesentliche Szenen bauen konnten, aber keine weiteren Personen auf der Bühne brauchten. Das kann jede Regieperson machen, wie sie möchte und wie auch die Verfügbarkeit von Schauspielenden ist. 

Im Angesicht von Kürzungen und Limitierungen, haben wir einen Solo-Abend geschrieben, mit dem man sehr frei umgehen kann und im Probenprozess feststellen wird, ob man mit dem Humor oder der Dramatik gehen möchte, der Wut oder dem Kummer. 
Das Praktische an unserem Stück ist, dass die Darstellerin kein bestimmtes Alter haben muss, da sie ja das Produkt Serafim verwendet und somit auch eine 40jährige, eigentlich schon 58 ist usw. Zudem können auch zwei Darstellerinnen Seraphina verkörpern: 2045 und 2025. 

Die Erkenntnis, die wir nach dieser unserer ersten gemeinsamen Produktion ziehen, ist, dass wir gut und einander ergänzend zusammenarbeiten können, sowohl im Schreib- als auch im Probenprozess. Das weiß man ja vorher nicht. Jetzt wissen wir es, deshalb: never change a winning team. Nächstes Jahr schreiben, inszenieren und spielen wir unser nächstes Stück. 

DI•VI•SI•ON
von Katja Riemann und Paula Romy
Regie: Paula Romy, Bühne: Alice Wong, Kostüme: Tanja Forgo, Julius Forgo, Videokunst: Etritane Emini.

Mit: Katja Riemann, und in den multimedialen Einspielern: Andreas Fröhlich, Pegah Ferydoni, Lilly Charlotte Dreesen, Cynthia Micas, Melika Foroutan, Alice Julie Noack, Nadine Schori, Gerhard Kämpfe, Max Befort.

Premiere am 7. Juli 2025, Weitere Spieltermine: 01.07.2026, 02.07.2026, 03.07.2026, 04.07.2026, 05.07.2026, 07.07.2026, 08.07.2026, 09.07.2026, 10.07.2026, 11.07.2026, Tickets gibt es hier.

© Sabine Wiedenhofer

Katja Riemann

Katja Riemann ist eine der bekanntesten Schauspielerinnen des deutschsprachigen Raums, die sich mit feinem Gespür zwischen kommerziellem Kino und arthouse-Filmen bewegt, als auch im Theater und der Musikwelt zu Hause ist. Sie spielt am Berliner Maxim Gorki Theater, am Staatsschauspiel Hannover und am Renaissance Theater Berlin. Außerdem ist sie Teil eines klassischen Trios. Sie ist UNICEF-Botschafterin und erhielt für ihr humanitäres Engagement 2010 das Bundesverdienstkreuz am Band. Als Autorin hat sie die beiden Sachbücher Jeder hat. Niemand darf. Projektreisen (2020) und Zeit der Zäune. Orte der Flucht (2024) veröffentlicht. 2025 erschien ihr erster Roman Nebel und Feuer. Alle Bücher sind im Fischer Verlag erschienen. Derzeit arbeitet sie an einem Buch über ihre Großmutter und transgenerationäres Trauma. 
Zusammen mit Paula Romy hat sie 2025 für das Renaissancetheater in Berlin das Theaterstück DI•VI•SI•ON geschrieben, das von Paula Romy inszeniert und von Katja Riemann gespielt wurde. 2027 wird ihr nächstes Stück zur Uraufführung gebracht werden, ebenfalls am Berliner Renaissancetheater.

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© Tina Krohn

Paula Romy

Paula Romy, Jahrgang 1993, ist eine deutsche Regisseurin und Drehbuchautorin. Sie ist gebürtige Berlinerin, ausgebildet und lebend in London. Ihre frühere Karriere als Tänzerin prägt bis heute ihre Regiehandschrift, in der Bewegungsdesign eine zentrale Rolle spielt. Ihr künstlerisches Schaffen bewegt sich an der Schnittstelle von Ästhetik, Narration und Bewegung. Paula möchte mit ihrer Arbeit für Film sowie für die Bühne, Genregrenzen aufbrechen, und scheut sich weder vor Abgründen in Geschichten noch vor imperfekten Figuren. DI•VI•SI•ON ist Paulas Theaterdebüt.

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