Theater

Porträt

Maria Milisavljević

Else-Lasker-Schüler-Dramatikpreis 2026 an Maria Milisavljević

„Maria Milisavljević weicht der Wirklichkeit nicht aus, sondern vertieft sie, legt in konkreten Situationen archaische Muster frei und entwirft zugleich Gegenbilder von Empathie, Solidarität und Gemeinsinn“, so die treffende Jurybegründung. Wir gratulieren herzlich! Ebenso Lamin Leroy Gibba, der mit DOPPELTREPPE ZUM WALD den 2. Else-Lasker-Schüler-Stückepreis gewann. Die Laudatio von Kathrin Röggla auf Maria Milisavljević findet sich hier.

Zwei Frauen auf einer Bühne: Eine spricht an einem Pult mit der Aufschrift „Katharina Binz“, die andere steht daneben und lächelt sie an. Im Hintergrund hängen helle Stoffbahnen vor dunklem Grund. © A.Glebocki / Theater Koblenz

Was, wenn ich damit beginnen würde, dass unsere Preisträgerin einen Western geschrieben habe. Oder insgeheim Gedichte als Theatertexte aufführen lasse, oder die Mauer wieder aufbauen wolle, die Revolution plane und anderen merkwürdigen Utopien nachhänge. Und überhaupt einer Frau Meller, die umgefallen ist, nicht wirklich helfen lässt, aber zu Frau Meller, dieser Figur in der Nähe des Görlitzer Bahnhofs in Berlin, kommen wir später. Was, wenn ich erzählen würde, Maria Milisavljević sei halb Bayerin, halb Kanadierin, halb Kärntnerin, halb Berlinerin und sowas von mit serbischen Wurzeln obendrein, nein, halb Musikerin und halb Boxerin, halb Psychedelikerin und in einem sehr merkwürdigen Textilgewerbe unterwegs? Das würde schon einen veritablen Steckbrief ergeben, aber Sie würden mir doch nicht glauben – zurecht! Dennoch muss ich heute mit Halbwahrheiten beginnen, was man in einer Laudatio eigentlich niemals macht. Aber die textliche Situation unserer Preisträgerin ist unübersichtlich, sie ist groß und divers, und voller realitätsmächtiger Mythen, auch die Gerüchte, die sich um sie ranken, sind unzuverlässig. Sowieso kann vieles im Theater als unzuverlässig gelten. Schnell wird alles Vergangenheit und noch schneller ist dabei die Literatur von vorgestern, wir werden dennoch versuchen, dem hier und heute Einhalt zu gebieten. 

Wir können uns nämlich Maria Milisavljević zuwenden: 1982 in Arnsberg in Bayern geboren, während ihrer Promotion über das Autorentheater des Royal Court Theatre in London seit 2013 plötzlich als Dramatikerin in Erscheinung getreten. Ihr erstes Stück „Brandung“ hatte den Kleist-Förderpreis bekommen. Seither sind ihre zahlreichen Stücke – mindestens 17 habe ich gezählt, die Übersetzungen mal nicht eingerechnet – an den unterschiedlichsten Bühnen zu sehen und zu hören, darunter das Schauspielhaus Zürich, das Deutsche Theater oder die Nibelungenfestspiele in Worms, oder das Theater an der Parkaue, das Theater in Regensburg, auf internationalen Festivals in Mexiko, New York oder dem Tarragon Theatre in Toronto, wo sie von 2011-2015 auch als Dramaturgin und Regisseurin gearbeitet hat, seit 2013 auch als Playwright in Residence. 

Ich erinnere mich genau, wie erstaunt ich 2016 war, als ich „Beben“ zum ersten Mal gelesen habe. Es hatte noch nicht den Heidelberger Stückemarkt 2017 gewonnen. Sofort fiel mir seine hohe Musikalität auf, die Literarizität. Ich war glücklich, hatte ich davor eine ganze Weile nur mit der Negation von Literatur im Theater zu tun, mit der möglichst großen Alltagssimulation oder mit völlig abgehobenen surrealen Szenen. Beides ist es nicht, aber es verwebt auch diese Formen und Sprechweisen und macht sie zu einem völlig eigenen Erlebnis. Wir erfahren in diesem Stück mit unklarer Figurenlage – Zitat: „Wir. Wer immer und wie viele wir auch sind.“ Zitat Ende – Also vielleicht zwei oder drei eher jüngere Menschen, Geliebte oder auch Nichtgeliebte, Teens, Twentysomethings, die miteinander chillen oder so etwas wie gamen oder einfach zusammen sind.  - Ja, aber wo? Hmm, dort, wo man einen guten Blick zu jenem Mann an der Kante von Ulro hat – wer um Himmels willen ist das? – Dort, wo man einen Blick auf die Straße hat. – Und was passiert da? Etwas geht vor sich, ein Dröhnen, ein Lärm, der zu beenden ist. Eine alte Frau wird auf der Straße beobachtet, die sich zu einem Sendemasten hinbewegt, von dem das Dröhnen ausgeht, etwas an ihm manipuliert, zurückkehrt und dabei wie tot umfällt. Ja, da ist sie wieder, unsere Frau Meller, und so viel sei verraten, sie bleibt dort verdammt lange liegen. Es ist auf den ersten Blick eine unklare Erzählerlage, man mag sich fragen, woher dieser epische Ton kommt, der doch ständig wieder unterlaufen wird, was ist dieser Blick zu dem Mann an der Kante von Ulro? Er hat inzwischen ein Eigenleben entfacht, lacht, holt kleine Männchen aus seiner Hosentasche, die er losschickt gegen die Welt. – Was kann man da nur machen? Sich wehren – Wie? – Vielleicht mit Zugewandtheit? Mit der Sorge umeinander? 

Ein Tauziehen zwischen zwei Prinzipien hat längst begonnen, und diesem Tauziehen werden wir immer wieder begegnen. Wie auch vielen anderen Charakteristika ihrer dramatischen Arbeit: Da ist die Fähigkeit zur Überraschung, der plötzliche Wechsel der Perspektiven, der Einsatz sprechender Bilder, das Spiel mit der Fiktionalität und der Literaturgeschichte – Der Bezug auf Ulro lässt uns an William Blake denken, ans frühe 19. Jh., an kosmologische Mythologien und gefallene Welten. Das alles kommt zusammen und schafft jenes theatrale Geschehen, das so poetisch wie auf merkwürdige Weise realistisch und alltäglich ist. Was hat das in der Nähe des Görlitzer Bahnhofs in Berlin zu suchen? Und warum liegt Frau Meller da noch immer? Wartet sie auf ihre Antigone? Gibt es eine Antigone für alte Frauen? Warum gibt es sie nicht? Fragen, die ich in Maria Milisavljevićs Texten wiederfinde. 

Wenn man sie über ihren Werdegang ausfragt, wird man schnell von der Erfahrung aus ihrer Zeit am Tarragon Theatre in Kanada hören, von ihrer alles anderen als deutschsprachigen Sozialisation im Theaterbetrieb. Dieser Einfluss rückt Dramatik gleichermaßen näher an die Literatur und näher ans Theater, als Teil der Produktion, nicht als Service, nicht als Einbahnstraße, sondern dialogisch. Das geht, hat unsere Preisträgerin gezeigt. Es war ihr nämlich nie ein Anliegen, Text gegen Regie auszuspielen. Wenn sie die Rolle von Literatur im Theater immer wieder zeigt, dann in Verbindung mit dem restlichen künstlerischen Team, was nicht heißt, dass sich Literatur dem Theater als Servicefunktion andienen muss oder das Stück eigentlich von Schauspielern geschrieben wird. Es gilt zu verstehen, dass der Schreibakt neben all der spürbaren Recherche selbst auch ein performativer ist, und dass er sich auch wesentlich mit dem Zuhören verbindet. Es ist eben etwas anderes, für das Theater zu schreiben, als für das sogenannte weiße Blatt. Folgerichtig war Maria Milisavljević längere Zeit Hausautorin im Theater Regensburg und hat schließlich den Verband der Theaterautor:innen in Berlin 2020 mitgegründet und begleitet. Schließlich weiß sie, dass man dem theatralen Schreiben nicht nur eine publikumswirksame und dringlich ästhetische, sondern eine politische Stimme geben muss, etwas, das strukturell im deutschsprachigen Raum lange nicht mehr existierte und für das Dramatiker*innen am besten gemeinsam kämpfen. 

Aber das, wofür sie heute ausgezeichnet wird, ist ihr vielfältiges und erstaunliches Werk. Darin finden sich tatsächlich ein Western, sogenannte Jugendstücke, Klassikerbearbeitungen – Die Bandbreite reicht von einem intimen Kammerspiel wie ihrer letzten Auftragsarbeit für das Staatstheater Meiningen „Es war Sommer. Und weil Sommer war, war es warm“ bis zur großen epischen Bühne, die besonders bei den Klassikerbearbeitungen „Peer Gynt (she/her)“ für das Theater Regensburg und „brynhild“ für die Nibelungenfestspiele in Worms oder auch „alte sorgen“ nach Woyzeck von Büchner sichtbar wird – Letzteres eine grandiose Übersetzung des Stoffes in die prekäre Pflegeszene und die Frage nach weiblicher Care-Arbeit. Wir finden zahlreiche Übersetzungen, u.a. von Anne Carsons "Bakhai" und "Antigone" sowie "Pussy Sludge" von Gracie Gardner. Und ihre sogenannten freien Werke.

Das kürzlich gefeierte Stück „Staubfrau“ hat sie besonders als eine der wichtigsten Dramatiker:innen unserer Zeit etabliert. Moment um Moment erleben wir ineinander verkeilte Welten, drei miteinander ringende Generationen – Mutter und Tochter und Großmutter – die durch eine gemeinsame Geschichte von patriarchaler Gewalterfahrung gegangen sind, die sie doch so lange entzweit hat. Trotz gegenteiliger Beteuerung zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten nach wie vor ein gewaltvolles Verhältnis, das sich mal in Mikroaggressionen und mal mit großer körperlicher Gewalt äußert, wie das Ende des Stückes zeigt. Es fügt die persönliche Geschichte dieses Trios in das Panorama der ständig stattfindenden Femizide ein. Noch immer ist der weibliche – die Autorin würde hinzufügen – der weiblich gelesene – Körper eminenter Gewalt ausgesetzt. Verprügelt, ermordet, gezüchtigt, gemaßregelt, geghostet, verhindert, beschnitten. Hier sind die Lebensgeschichten durchaus geisterhaft ineinandergezogen, die Toten kehren wieder und treten ein als Beraterin der Lebenden. Mit Gifttränken und Mordrezepten wird hier ironisch jene Form weiblicher Rache zitiert, die sich ebenfalls durch die Jahrhunderte zieht. 

Gefeiert wurde „Staubfrau“ nicht nur in Mülheim, wo es Haupt- und Publikumspreis im letzten Jahr gewonnen hat, sondern auch in Zürich, anlässlich seiner Uraufführung im Schauspielhaus. Seither wird es nachgespielt, in Oberhausen, in Leipzig und vermutlich an anderen Orten. Und dies in einer Zeit, in der nur noch sehr wenige Stücke diese Aufmerksamkeit bekommen. Woran liegt das? 

Vielleicht an der Tatsache, dass es eine Lücke gibt zwischen dem emanzipierten Selbstbild der im Zentrum stehenden Mutter, die doch stets Tochter bleibt, und den realen Zwängen, den sie unterworfen wird, an der Erfahrung der Erschöpfung, die damit einhergeht, wenn einer sogar die Opferposition, in die sie gebracht wird, neoliberal vorgeworfen werden kann. Oder es liegt an Ghosting und Gaslighting, dieses schöne neue Vokabular der Manipulation von Frauen? Manipulationstechniken, die die Macht eines Cis-Mannes selbst im Gendertrouble erhalten kann? Das erzeugt jede Menge Geistergeschehen. So ist in diesem Stück unklar, ob jemand tot ist oder nicht, wenn z.B. die zentrale Protagonistin bei Sehnsucht nach der Mutter auf den Friedhof geht - Zitat: „Ist deine Mutter tot? Sag es! – Nein. Meine Mutter ist nicht tot. Tot ist sie nicht, aber viel und oft gestorben, das ist sie.“ Zitat Ende. 

Eine Geschichte der Brüche und Kontaktabbrüche, des Schweigens und der Lücken im intergenerationellen Gespräch, das aktueller nicht sein könnte. „Das Vergangene ist nie tot, es ist noch nicht einmal vergangen.“ Könnte man mit William Faulkner hinzufügen. Während es in anderen Texten von Maria Milisavljević oft darum geht, Auswege, utopische Möglichkeiten zu zeigen, bleibt es hier seltsam unheilvoll, und die am Ende eingeführte Liste der getöteten Frauen in der Schweiz legen die Gewaltstruktur frei, die als Beziehungstaten verharmlost werden.

Schon „auf ewig unser Gestern“ für das Residenztheater in München beschäftigt sich mit den transgenerationellen Geschichten. Hier arbeitet sie sich an der Fiktion einer offenen und geschlossenen Tür in Bayern ab. Liebesgeschichten und Liebeslieder eines Paares, das wie die beiden Königskinder nicht zueinanderkommen, stehen hier in krassem Gegensatz zu einer Verteidigungshaltung, einer Abschließung – gegen Migration, Andersdenkende. Es ist aber nicht nur die Tür. Neben der Tür gibt es auch ein anderes Motiv, das in ihrem Werk immer wiederkehrt: Das Motiv des Flusses. 

Maria muss direkt am Fluss aufgewachsen sein, denke ich mir, und zwar ein Fluss, der niemals gleich aussieht, aber dem man vertrauen kann, der immer weitermacht. Ja, einer von den Flüssen, die alles mit sich reißen, und doch sanft wirken können. Einer mit Ufern, ein Fluss, in den etwas geworfen wird, Fahrräder, Patronen, Kriegszeug, Kleider, Menschen, Müll. Es heißt, die Menschen wohnen seit jeher gerne am Fluss, ertrinken seit jeher da, treiben als schöne Leichen weiter, sie wissen, der Fluss vergisst nie, er nimmt alles auf, er ist immer da, steht für Natur und Kultur gleichermaßen. Wie passend, dass diese Preisverleihung heute an einem Ort an gleich zwei großen Flüssen stattfindet!

Schon in ihrem ersten Stück gab es diesen Fluss, in dem jemand vielleicht oder sicher verschwunden ist, die junge Frau, Karla, nach der ihre Freunde, ihre Familie fahnden, weil die Polizei diese Aufgabe nicht übernehmen will. Aber dieser abwesenden Frau steht eine abwesende fiktive Figur gegenüber, Vlado, der seit letzter Nacht geschrumpft sei, kleiner wird. Zwei Abwesenheiten, zwei Prinzipien, wieder. Antagonistische Formen auch hier – Milisavljević übersetzte „Brandung“ für Kanada in „Abyss“, ihrer Stücke existieren wie sie in mehreren sprachlichen Welten und Wirklichkeiten, und die schöne Buchpublikation im Fischerverlag zeugt von den notwendigen Unterschieden, die nur eine Autorin selbst machen kann.

Bei ihrem kürzlich in der Zürcher Winkelwiese aufgeführten Stück „still loading“, muss der Fluss als Bild allerdings auch die Übertragung zwischen digital/maschinell und körperlich herstellen. Verbindend und trennend. Die Autorin zeigt uns darin wieder einmal, wie unser gemeinsames Sprechen im Fluss sein kann und doch so widersprüchlich, so voller Schwemmgut, mit vielen Schichten, die einander gefährlich sein können.

Das Wunderbare an dem Medium Sprache ist nämlich, dass sie in uns lebt und gleichzeitig auch außerhalb von uns existiert. Im Menschen und zwischen Menschen, dass sie sinnlich sowohl akustisch als auch visuell funktioniert und in der Zeit ist als auch außerhalb von ihr. Und so kann wie in „Brandung“ eine abwesende Figur manchmal anwesender erscheinen als die sogenannten Hauptfiguren. Maria Milisavljević macht deutlich, dass das theatrale Hier und Jetzt im Sprechen sich konstituiert und gleichzeitig negiert werden kann. Und dass das unser existenzielles Paradox ist, aber auch unser politisches Problem, denn diese Situation verbindet sich immer mit Machtfragen. Die Dringlichkeit, von der immer in Bezug auf unsere Preisträgerin die Rede ist, hat hier ihren Ansatzpunkt. 

Zugleich weiß man nie genau, was als nächstes kommt. Die Art der Erzählung in ihren eigenen Stücken ist überraschend. Es wird nie langweilig, weil es stets zu Wendungen kommen kann. Schuld daran ist sicher auch die lyrische Mehrspurigkeit, mit der sie arbeitet, die starken visuellen Bilder, wie jenes von dem Mann, der im Sturm in das Loch eines entwurzelten Baumes stolpert und von demselben begraben wird, als dieser im selben Sturm zurückkippt auf seinen alten Platz. In „Staubfrau“ wird aus dem Baum im Sturm ein Mann, der auf seine Frau kippt und sie unter sich begräbt, auf seinem alten Platz. Ein Gruß an Ingeborg Bachmann?

„Still loading“ geht historisch in die Tiefenzeit, fühlt sich in die Ausdehnung des Universums im Rahmen algorithmischer Fragen ein, die eben jenes Universum einhegen wollen. Ein Text, der wieder zwischen den verschiedenen Ebenen der Präsenz hin und herwechselt, zwischen Märchentonfall, Wissenschaftseinwurf, ein Zwiegespräch, das nicht zu meistern ist: „Still loading ist ein Festival, dann ein Musikalbum, dann ein Zustand, dann eine Zeitangabe, dann das Leben an sich:“ Wir müssen über Entgrenzung sprechen, wenn wir über Maria Milisavljević sprechen. Über Poesie und holistische Fantasien. Ihre Texte wirken wie Gedichte. 

Wir müssen aber auch über Pathos sprechen. Pathos, das im guten Sinn in all ihren Stücken steckt. Pathos nicht nur, weil sie ihre Figuren nie verrät, sich nie über sie stellt. Sie ist eine zugewandte Autorin, sie bleibt bei ihnen, mögen sie auch schon von der Bühne gegangen sein. Pathos, weil sie die Bühne als Ort eines tragischen Geschehens trotz aller durchaus subtiler Komik akzeptiert. 

Diese Komik findet vielleicht ihren deutlichsten Ausdruck in „Worte“ - ein Stück, das mir sehr lieb wurde, weil es das Verhältnis von Sprache und Politik zum Thema macht. Das Stück von 2017 reagiert auf die erste Amtszeit Donald Trumps mit dem Nachdenken über faschistisches Sprechen, den Verlust der gemeinsamen Sprache, der sich immer an die Eigentumsverhältnisse bindet. Hier wird mit fiktiven Dialekten und einer Kultur des Bugs und des Fehlers ramponierte Sprache gezeichnet als Keimzelle der Widerständigkeit. Wir befinden uns in einer dystopischen Welt der Kolonien und Stadtmauern, wo nur die Bessergestellten in der Stadt über ein angemessenes Sprechen verfügen, der prekäre Rest dümpelt vor den Toren in absoluter Armut und Spracharmut vor sich hin, aber es gibt Grauzonen. Das entdecken sowohl die Protagonisten Wurm, als auch Laus und Zeck. Nomen est Omen, eine Tierfolienwelt legt sich über das Stück, die die ökologische Trauer nicht mehr an Botschaftertiere klammern mag. 

„Ich hatte das Gefühl, er erzählt die Geschichte, um mich zu testen.“ Ist ein harmloserer Satz der Figur Wurm: „Du mu aufpass, wi du Rede.“ Die schlechte Sprache, die verstümmelte, die ist es, um die wir uns am meisten zu kümmern haben. Und um das zu tun, lasse ich Maria Milisavljević flugs nochmal in mehreren Versionen hier auftreten: Als Energische, als Nicht-Staubfrau, als Angriffslustige, als Gewerkschafterin, als Übersetzerin des Unmöglichen, als Pädagogin und Mystikerin wie als Poetin. Und jetzt als Preisträgerin! It has to be you, Maria! Gratulation zum Else-Lasker-Schülerpreis 2026!

Kathrin Röggla, 14.03.2025

© Linda Rosa Saal 2018

Maria Milisavljevic

Maria Milisavljevic, geboren 1982 in Arnsberg, studierte Englische Kulturwissenschaften, Englische Literatur und Kunstgeschichte. Vor und während ihres Studiums arbeitete sie in der freien Szene und hospitierte an verschiedenen Theatern in Deutschland und London. Milisavljevic promovierte über Autorentheater am Londoner Royal Court Theatre. Von 2011 bis 2015 war sie am Tarragon Theatre in Toronto als Regie- und Dramaturgieassistentin engagiert. Seit 2013 war sie dort International Playwright-in-Residence. Mit ihrem Stück Brandung gewann Maria Milisavljevic 2013 den Kleistförderpreis für junge Dramatik. Ihr Stück Beben wurde für den Mülheimer Dramatikerpreis 2018 nominiert, sowie 2017 mit dem Autorenpreis des Heidelberger Stückemarktes und dem Else-Lasker-Schüler-Stückepreis ausgezeichnet. Neben ihrer Autorinnentätigkeit arbeitet Milisavljevic als Übersetzerin. Maria Milisavljevic lebt in Berlin.

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© JessicaSchaefer

Kathrin Röggla

Kathrin Röggla, geboren 1971 in Salzburg, studierte Germanistik und Publizistik in Salzburg und Berlin. Seit 1989 Mitwirkung bei und Inszenierung von Theaterstücken und Performances, seit 1991 auch Videoperformances. Lebt seit 1992 in Berlin, heute in Köln. Sie schreibt Prosa, Hörspiele, Theatertexte.

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