Junges Theater

Porträt

Yade Yasemin Önder

Wenn Buchstaben vom Himmel fallen

Mit „Bu sözler bizim – Die Worte gehören uns“ hat Yade Yasemin Önder den exil-DramatikerInnenpreis gewonnen. Letzte Woche wurde das Stück am Schauspiel Leipzig in der Regie von Ebru Tartıcı Borchers uraufgeführt. Ein poetischer Text über Sprachlosigkeit und eine Familie, die durch politische Fliehkräfte zu zerreißen droht.

Zwei Frauen sitzen lächelnd in roten Theatersesseln. Im Hintergrund eine Backsteinwand, ein Plakat und ein großer Bildschirm mit lilafarbenem Licht. Beide schauen in die Kamera. Die Frau links trägt dunkle Kleidung, die Frau rechts helle. Beide haben überkreuzte Beine.

In ihrem Theatertext  „Bu sözler bizim – Die Worte gehören uns“ beschreibt Yade Yasemin Önder den Alltag einer türkischstämmigen Familie in Deutschland zwischen politischer Oppression, Sprachverlust und Selbstermächtigung. Sie verwebt in ihrem Stück Fragen nach (Sprach-)Identität, Generationskonflikten und Heimat mit gesellschaftspolitischen Themen wie Pressefreiheit und Aktivismus. Die Grenzen zwischen Türkisch und Deutsch sind in diesem Text fließend und ermöglichen einen poetischen Zugriff auf die Sprachen, die uns in unserer alltäglichen Weltwahrnehmung prägen – auf die Worte, die jedem von uns gehören. Regisseurin Ebru Tartıcı Borchers hat den Text als fantastische Reise durch Sprachwelten am Schauspiel Leipzig inszeniert. Das grandiose Ensemble rund um Paula Winteler als Lale, Ali Aykar als Lilo und Denis Petković als Papa / Herr Couch spielen mit viel Verve, Humor und feinsinnigem Gespür für ihre Figuren. 

Lale ist fast zehn und kann Mamas Sprache nicht. Sie hat mit ihrem Bruder Lilo geübt. Die Verben und die Nomen. Die Zahlen und die Zeiten. Sogar Mamas Lieblingslied. Aber die Worte wollen nicht in Lales Kopf. Lale und Lilo wohnen zusammen mit Mama und Papa irgendwo in Deutschland. Früher hat Mama als Journalistin in Istanbul und Ankara gearbeitet. Doch jetzt darf Mama nicht mehr schreiben. Papa geht in letzter Zeit oft an die Decke. Wenn er sich mit Lilo in die Haare kriegt. Wenn Mama sich heimlich in ihre Notizen vertieft und Gedichte schreibt. Dann herrscht eisiges Schweigen. Das machen sie sehr oft in letzter Zeit. Schweigen – jeder für sich allein. Bis Mama spurlos verschwindet! Kurzentschlossen machen sich Lale und Lilo auf, um nach ihr zu suchen. Die beiden durchqueren ein Meer aus Buchstaben und Worten, fliegen sogar mit ihrer zum Leben erwachten Wohnzimmercouch quer über Europa. Ob sie Mama jemals wieder finden?

Das Stück wurde mit dem exil-DramatikerInnenpreis – eine Kooperation mit dem Schauspiel Leipzig und dem Verein exil – ausgezeichnet. Die komplette Jury-Begründung finden Sie hier:

„wenn die dinge nicht mehr stimmen
müssen sie sich neu verbinden“

Diese kluge Einschätzung stammt von einer besonderen Figur in Yade Yasemin Önders „Bu sözler bizim – Die Worte gehören uns“. Ungefähr in der Mitte des Stücks sorgt sie für eine große Überraschung, indem sie einfach das Wort ergreift. Die Figur heißt Herr Couch und ist auch tatsächlich eine Couch, die nicht nur spricht, sondern auch fliegt. Im Figurenverzeichnis taucht Herr Couch noch überhaupt nicht auf. Dort wird uns aber die Familie vorgestellt, die zu seinem Wohnzimmer gehört: „Lale ist zehn, Lilo ist zwölf, Papa ist Friseur, Mama war mal Journalistin.“ Dazu gesellt sich der Hinweis, dass die grün markierten Textstellen auf der Bühne in türkischer Sprache gesprochen werden sollen.

Und so klingt bereits im Nebentext an, was sich liebevoll spielerisch und mit größter Sorgfalt auch durch die Dialoge der Figuren und sogar das Schriftbild zieht: die Suche nach der eigenen Sprache, die Suche nach der eigenen Identität. Denn während die Couch in dieser Figurenkonstellation völlig unverhofft drauflosplappert, ist die Mama von Lale und Lilo auf sonderbare Weise abwesend und verstummt. Dass sie Journalistin war und eben nicht mehr ist, eröffnet nach und nach eine politische Dimension, in der sie selbst jedoch überhaupt nicht zu Wort kommt. „wir wohnen irgendwo in deutschland“ lautet der erste Satz von Lale. Dass die Familie nicht in der Türkei lebt, hat mit Einschränkungen der Meinungs- und Pressefreiheit zu tun. Diese Vermutung drängt sich auf, Details dazu erfahren wir aber kaum, denn mit der zehnjährigen Lale als Erzählstimme teilen wir ihre kindliche, keineswegs aber naive Perspektive. Lales Erzählung verschneidet sich mit den Dialogen. Während ihre Mutter vermutlich durch Zensur und Flucht ihre (politische) Sprache verloren hat, ist es bei Lale das Türkische, das aufgrund der eigenen Familiengeschichte als Sprache verloren scheint. Doch sie und ihr Bruder Lilo gehen sehr weit auf ihrer Suche nach den Worten und den eigenen Wurzeln. Sie springen in das Meer aus Worten und fliegen auf Herrn Couch über Länder und Erinnerungen. Mit den Worten, die sie auf ihrer Reise finden, basteln sie an einer gemeinsamen Sehnsucht, sammeln Erinnerungen an ein Früher, das es für ihre Familie nicht mehr zu geben scheint, an ein Land und ein Leben, das es so vielleicht nie gegeben hat. Es ist eine Traumreise, die wir mit Lale und Lilo erleben, aber es ist gleichzeitig auch unsere Lebenswirklichkeit, dass die Sprache fließt, wir eben nicht alles verstehen und immer wieder unterwegs sind auf der Suche nach den eigenen, den inneren Worten.

„Bu sözler bizim – Die Worte gehören uns“ ist ein anspruchsvolles und empathisches Theaterstück für ein junges Publikum jeden Alters. Es ist eine Spielvorlage für ein mehrsprachiges Ensemble, die einer Couch Flügel verleiht, ihren Figuren und deren Anliegen definitiv eine starke Stimme verschafft.

Für die Jury verfasst von Matthias Döpke

Bu sözler bizim — Die Worte gehören uns (UA)
von Yade Yasemin Önder
Premiere am 17. April 2026
Regie: Ebru Tartıcı Borchers
Mit: Paula Winteler, Ali Aykar, Denis Petković
Bühne & Kostüme: Sam Beklik
Video: Christian Borchers
Musik: Dani Catalán
Dramaturgie: Georg Mellert
Licht: Mattheo Fehse
Videotechnik: Matthias Gruner
Ton: Alexander Nemitz
Inspizienz: Ute Neas
Soufflage: Philine von Engelhardt
Regieassistenz: Lara-Chayenne Zwickert
Bühnenbildassistenz: Maryna Ianina
Kostümassistenz: Sabine Born
Maske: Norbert Ballhaus
Requisite: Jörg Schirmer
Bühnenmeister: Thomas Kalz
Ankleidung: Makhigul Gershkovich
Regie- & Dramaturgiehospitanz: Elisabeth Krause

Zwei Personen stehen auf einer Bühne vor hohen Quadern. Sie blicken gebannt nach oben. Ein Lichtprojektor wirft wirre, hellblaue Buchstaben über die gesamte Szene, die Personen und den Hintergrund.
© Rolf Arnold

Yade Yasemin Önder

Ihr erstes Theaterstück Kartonage wurde zu den Autorentheatertagen 2017 eingeladen, in diesem Rahmen am Deutschen Theater Berlin uraufgefu¨hrt und in den Spielplan des Wiener Burgtheaters aufgenommen. 2018 war sie Gewinnerin des open mike in der Kategorie Prosa, 2019 Preisträgerin des Martha-Saalfeld-Förderpreises. 2020 erhielt sie das Arbeitsstipendium Literatur des Berliner Senats.

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