Svealena Kutschke

no shame in hope
eine Jogginghose ist ja kein Schicksal
4 D, 1 H
frei zur UA
Luca , Carla, Linn- sie sind sich begegnet im Maschinenraum der Psyche/Kraftcenter der Krise, nun ja, sagen wir so: in der Klinik. Sie hatten ernstzunehmende Neurosen, sie neideten sich gegenseitig die Diagnosen, das Buffet war gut, die Luft Alpin oder Maritim, aber die Handtücher der Privatzahlenden schienen immer ein bisschen flauschiger als ihre.
Es gibt viel, was sie unterscheidet. Was sie eint, ist allerdings elementar: ein Aufwachsen in der immer leicht betrunkenen BRD, einer Gesellschaft, der es schwerfällt, einen Schmerz anzuerkennen. Die WUNDE, sie animiert nur neue Gewalt. Nun sitzen die drei Frauen in einem Imbiss und erwarten ihr Happy End. Die Arbeit ist getan, die Wunde bearbeitet, sie sitzen nur wenige Meter von der Klinik entfernt an einer verregneten Ampelkreuzung in einer verregneten Vorstadt oder ist es doch die Ostsee? Auf der Kreuzung nur ein Reh, das zwischen den parkenden Autos grast, oder ist es ein Nazi?
Carla, Linn und Luca, sie essen Currywurst und Pommes und fragen sich, was so großartig sein soll, am sogenannten Draußen. Denn: ist nicht die Depression die einzig angemessene Reaktion auf die Beschissenheit der Dinge? Sie sprechen über den Körper, und die Zuschreibungen, denen er unterliegt, sie fragen sich: Wieso wird immer der Schmerz pathologisiert, selten die Gewalt? Und wann kommt eigentlich der Bus, der sie endlich ganz von der Klinik wegbringen wird?
Recht regelmäßig, sagt die Imbissverkäuferin, zumindest in den 90er Jahren noch. Jetzt kürzlich? Weiß sie auch nicht so genau. Sie hat auch Wichtigeres zu tun, zum Beispiel die Flut an Briefen zu bearbeiten, die durch die Geschichte getragen werden und irgendwann im Imbiss landen. Und gerade als die drei Frauen denken, ihre Arbeit an der Wunde erledigt zu haben, fragt die Imbissverkäuferin, wie die Trivialisierung von Gewalt mit der Geschichte des Nationalsozialismus zusammenhängt? Inwiefern beeinflusst der Mythos der kollektiven Unschuld auch heute noch unseren Umgang mit Gewalt und Schuld?
Denn, die spezielle Beschissenheit der Dinge, so meint die Imbissverkäuferin ist typisch deutsch. Die Unfähigkeit, einen Schmerz anzuerkennen, ohne mit Aggression zu reagieren. Sie muss es wissen, denn sie hat schon vor 90 Jahren hinter dem Tresen gestanden und sieht auch heute keinen Tag älter aus als 30 Jahre.
Die Imbissverkäuferin scheint der Zeit enthoben, in ihrem scharfen Blick rafft sich die Geschichte, sie misstraut den meisten Narrativen, besonders aber dem Reh auf der Kreuzung und seiner permanenten Unschuldsbehauptung. Und der Blick durch die Fenster des Imbisses, er bleibt unzuverlässig: Mal scheint man die Alpen zu sehen, meist sind es nur leere Hochhäuser an einer verregneten Kreuzung. Mal ist die Kulisse in Grautöne getaucht, als sei es nicht die Welt da draußen, sondern eine Dokumentation in schlechter Bildqualität, dann plötzlich ist alles in die Pastellfarben des Wirtschaftswunders getaucht. Es ist nicht weniger als die Geschichte, die an ihnen vorbeizieht, und sie verstehen allmählich, wie sehr ihre persönlichen Narrative mit den politischen und historischen interagieren.
Vier Frauen in einem Imbiss. Die Pommes sind nicht wirklich kross und ständig ist der Ketchup alle und das sogenannte Draußen, es wird immer weniger begehrenswert.