Theater
Fokus
Sophia Chetin-Leuner
Neu im Programm: Sophia Chetin-Leuners provokantes Debütstück
Und es entführt dich an einen anderen Ort. In eine völlig andere Welt. Ein Eden. Voller Blumen und Gewalt, voll Schmerz und Lust. Und der Gedanke, daraus herauszutreten ...
Sophia Chetin-Leuners PORN PLAY ist eine provokante und psychologisch dichte Auseinandersetzung mit weiblicher Sexualität, Sucht und der Flucht vor der Realität im digitalen Zeitalter. Im Zentrum steht die 30-jährige Akademikerin Ani, deren Leben von einer tiefen Spaltung geprägt ist. Nach außen hin feiert sie Erfolge als Literaturwissenschaftlerin, die kurz vor einer prestigeträchtigen Auszeichnung für ihre Arbeit über John Miltons Paradise Lost steht. Im Verborgenen jedoch verliert sie zunehmend die Kontrolle an eine Sucht nach gewalttätiger Pornographie, die als ihr „privates Paradies“ und Rückzugsort vor der Welt fungiert.
Das zentrale Gestaltungsmittel des Stücks ist die Kollision zwischen Anis intellektueller Fassade und ihrer physischen Realität. Ani nutzt ihre akademische Brillanz, um ihr Verhalten zu rationalisieren: Sie deutet den biblischen Sündenfall Evas als einen Akt der Lust um und argumentiert in Vorlesungen über die „sexuelle Sprache“ von Gewalt bei Milton, was zu Konflikten mit Studierenden führt, die ihr vorwerfen, Vergewaltigung zu ästhetisieren. Diese theoretische Überhöhung steht im krassen Gegensatz zu ihrem tatsächlichen Verhalten, das von Dissoziation und dem Verlust echter menschlicher Nähe geprägt ist.
Besonders deutlich wird dies in der Beziehung zu ihrem Freund Liam. Die Intimität zerbricht an Anis Unfähigkeit, Sex ohne den Filter extremer Gewaltvorstellungen zu erleben; Liam ist verstört über die Inhalte, die sie konsumiert. Das Stück treibt diese Entfremdung auf die Spitze, als Ani eine sexuelle Begegnung mit einem Studenten (Sam) inszeniert, bei der sie sich fesseln und schlagen lässt, wobei „Milton“ bezeichnenderweise als Safeword dient.
Dramaturgisch bewegt sich der Text von einem naturalistischen Kammerspiel hin zu surrealen, alptraumhaften Sequenzen, die Anis psychischen Verfall spiegeln. So halluziniert sie während einer gynäkologischen Untersuchung, dass die Ärztin sie als „widerliche kleine Perverse“ beschimpft, oder hört bei ihrer Preisverleihung obszöne Drohungen aus dem Publikum.
Unter der Oberfläche der Sucht liegt eine tief verdrängte Trauer um ihre Mutter, die an Gebärmutterhalskrebs starb. Das Stück endet jedoch nicht in völliger Zerstörung, sondern bietet einen Hoffnungsschimmer in einer berührenden Schlussszene, in der Anis Vater versucht, sie durch Erinnerungen und ein Fotoalbum zu erreichen. Er erinnert sie an ihre eigene Interpretation von Milton: dass aus dem Fall und der Dunkelheit – ähnlich wie bei einer Blumenzwiebel in der Erde – neues Wachstum möglich ist. PORN PLAY fragt somit radikal danach, ob wir in einer Welt der digitalen Isolation den Weg zurück zur eigenen Körperlichkeit und zu anderen Menschen finden können.
“In Porn Play’s final moments, shame and grief mingle together in a harrowing display that shows not only the skill of its lead performer, but the craft of its ambitious young writer.” (londontheatre.co.uk)