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Anaïs Clerc

Vom Hadern mit der Weichheit

Unsere Autorin Anaïs Clerc lotet in ihrem Essay Strategien des Widerstands gegen rechts aus. Mit Blick auf das Theater fragt sie: Wenn sich Betriebe mobilisieren, wer darf dann noch auf die Bühne und wo schließen wir unbewusst aus? Über das Aushalten innerer Konflikte, harte Grenzen und die mutige Kraft, weich zu bleiben. Der Text ist erschienen im Schauspiel Essen Magazin 01–07/2026.

Zwei Frauen stehen auf einer Bühne an einer Verkaufstheke. Die eine trägt einen hellblauen Mantel mit Sternen, die andere ein rotes Netztop über beigefarbener Kleidung. Auf der Theke steht ein Teller. © Maximilian Borchardt

Die Schweizer Dramatikerin Anaïs Clerc, deren Arbeiten zuletzt u. a. in München, Bern und bei den Autor*innentheatertagen Berlin zu sehen waren, lotet in ihrem Essay Strategien des Widerstands gegen rechte Kräfte aus. Sie blickt auf ihr eigenes Hadern zwischen Wut und Weichheit, zwischen Abgrenzung und Gespräch und begibt sich auf die Suche nach einer gemeinschaftsstiftenden Utopie.

Der Mond ist für mich seit meiner Kindheit ein geliebter, bewunderter Sehnsuchtsort – Ich habe mir vorgestellt, dass er auf die Erde hinunterschaut, uns alle beobachtet und uns in richtig schlimmen Momenten mit seinem Licht beschützt. Dass er alles sieht, alles bewacht, mit einem romantisch liebevollen Blick kontrolliert. Dass er mit seiner prägstubigen Oberfläche, die ich mir absolut verformbar, wie Knetmasse vorgestellt habe, eine Weichheit bereithält, von der wir auf der Erde nur träumen können.

So geht es auch den Figuren ANTJE und SIE in „faulender Mond“ – Für beide hat der Mond eine größere Bedeutung, verbindet sie mit ihrer Vorgeschichte und erklärt, warum sie in einem Wurstsonderpostenmarkt arbeiten. Wir erfahren, dass sie eine völlig unterschiedliche politische Auffassung haben, und warum ANTJE sich an einem Tisch mit einer rechten Partei wohl fühlt. Doch wie geht SIE damit um? Lohnt es sich, mit ANTJE zu sprechen? Am Schluss bleibt nur der Mond übrig.

Meine persönliche Faszination für den Mond ist irgendwann der Realität gewichen, hat sich verflüchtigt, der Wunsch nach Schwerelosigkeit ist geblieben und parallel zur Wut gewachsen. Ja, Wut. Dazu kommen Angst, Trauer, Fassungslosigkeit. Jeden Tag mehr.

Es ist, was viele empfinden, wenn wir auf die soziopolitischen Veränderungen der letzten drei, besonders letzten zwei Jahre zurückgeworfen werden. „faulender Mond“ ist entstanden, als der erste Landrat einer rechtspopulistischen Partei gewählt wurde. Knapp drei Jahre später ist die Partei zweitstärkste Kraft im Deutschen Bundestag und wird dem rechtsextremen Spektrum zugeordnet. Die Stimmung ist schon lange nicht mehr ungemütlich, sondern brandgefährlich.

Wie viele frage ich mich, wie das passieren konnte. Und wie wir jetzt mit dieser Situation umgehen können. Es gibt keine Zeit zu verlieren, und was Hoffnung, Aufschwung und Vertrauen gibt, ist, die gerade in dieser Zeit entstandenen Banden zu betrachten, sie weiter auf- und auszubauen und sich über sie zu freuen. Kollektive werden gegründet, Organisationen gewinnen an Kraft, Zusammenschlüsse entstehen. Es gibt immer mehr Menschen, gerade auch in Theaterbetrieben, die sich mobilisieren, sich gegenseitig bekräftigen und mit Workshops und Angeboten alle Energie investieren, zweite Baseballschlägerjahre um jeden Preis zu verhindern.

Während notwendige Haltung bezogen wird, entstehen aber auch neue Grenzen. Wer kämpft auf unserer Seite und wer auf der anderen? Und wie unterscheiden wir genau? Wen nehmen wir nicht mit? Wie frei zugänglich sind unsere Vorschläge und welche Sprache verwenden wir dafür? Wer wird nicht mit Absicht, sondern aus Unachtsamkeit bei diesen Prozessen ausgeschlossen?

Wer kann und darf eine Bühne bekommen? Darf eine Figur wie ANTJE, die eine bestimmte Art von Gedankengut zwar nicht unterstützt, sich aber darin ausruht, überhaupt noch gezeigt werden? Damit hadere ich als Autorin immer noch. Womit ich aber auch hadere, ist die Vorsicht und Weitsicht, mit der wir die eigenen Reihen überprüfen und es noch heute tun.

Kann ein Widerstand gegen eigene Exklusionsmuster auch ein Widerstand im Kampf gegen rechte Kräfte sein? Wann gilt es, diese noch einmal zu überprüfen, und wann gilt es, mit aller Vehemenz und Härte daran festzuhalten?

Die Gefährlichsten sitzen oben, die Gefährlichsten wollen zum Mond. Was können wir tun, damit sie ihn nie ganz bekommen? Kann es ein Widerstand sein, dieses Hadern über die Entscheidung, wo wir hart bleiben müssen und wo weich werden von Vorteil sein kann, auszuhalten?

Es ist die Suche nach einer gemeinsamen, klassenlosen Sprache, nach einer universellen Lösung, die uns vielleicht zum Verzweifeln bringt, die es aber fortzusetzen gilt. Es ist ein Hadern um Haltungen, es ist die Entscheidung, wo eine Grenze gezogen wird und wo verhandelt werden kann, weil das Weichbleiben die Chance einer Umstrukturierung, einer neuen Begegnung bietet. Und es ist das Aushalten dieses Haderns. Es ist aber auch die Entscheidung, Härte zu zeigen, wenn jegliches Wort nicht mehr durchdringt, ganz klar.

Und natürlich bleibt es eine Utopie, dass sich alle ändern können, dass es möglich ist, eine politische Gesinnung mit Gesprächen in eine neue Richtung zu lenken. Aber in einer Zeit, in der so vieles erdrückend wirkt, brauchen wir nicht gerade dann ein starkes Wunschbild, dass es zu unterstützen und erreichen lohnt? Auch wenn wir wissen, wir können es niemals hundertprozentig erreichen.

Kann es ein Widerstand sein, trotz allem weich zu bleiben? Kann es ein Widerstand sein, die zeitlichen und emotionalen Energien, die wir aufbringen können und wollen, wieder vermehrt in persönliche Beziehungen zu investieren, in die ganz kleinen Momente und Dinge? Und so Mensch für Mensch zu gewinnen für einen erneuten politischen Umschwung?

Ich habe gehadert, als ich dieses Stück geschrieben habe, und ich hadere, wenn ich diesen Essay schreibe. Woran ich festhalte bei allem Zweifeln, ist für mich die Aufgabe, die eigenen Reihen immer wieder kritisch auf Exklusivität zu überprüfen.

Ich schreibe diesen Text als weiße Person. Menschen, die strukturell benachteiligt sind, die jeden Tag diskriminiert werden und am eigenen Körper bedroht sind, haben eine andere Ausgangslage, die ich mir nicht aneignen kann und möchte. Ich kann gewisse Gespräche und Diskussionen führen, weil ich dabei nicht persönlich als Mensch angegriffen werde, weil ich keinen körperlichen und/oder psychischen Übergriff fürchten muss. Das dürfen wir, die wir in dieser Situation sind, nie vergessen oder unterschätzen. Gerade deswegen ist das Hadern als Ally unsere Aufgabe.

Damit es nicht nur ein Kampf gegen, sondern für etwas ist. So stark für etwas, für das Richtige, für eine Gesellschaft, in der Hass, Angst und Wut wieder kleiner werden, dass das Falsche daneben verblasst bis zum Verschwinden.

Auf ein kollektives nach oben Treten. Auf ein kollektives Überzeugen, Verändern und Beeinflussen von den Menschen, die nicht aus Hass, sondern aus Angst und Einsamkeit heraus Lügen und verheerende Vorstellungen unterstützen und wählen. Dass wir, die wir sie nicht in konkreten Alltagssituationen aushalten müssen, uns einen Tritt geben und uns immer wieder in Momenten auseinandersetzen, in denen wir Rassismus nicht erfahren, aber ihm begegnen, und diese Augenblicke nicht wegignorieren, sondern eine klare und laute Haltung dazu einnehmen. Auf dass der Mond nicht wegschauen muss, auch nicht bei denen in den eigenen Reihen.

Damit alle, die Angst haben, die sich allein fühlen, an ein demokratisches Miteinander glauben können und sich dafür entscheiden, immer und immer wieder.

 

Weitere Informationen zur Produktion am TuP Essen finden Sie hier. Nächste Spieltermine: 24.06.2026 / 02.07.2026.

Zwei Frauen stehen auf einer felsigen Podestkonstruktion vor einem Vorhang, der von einem Lichtkreis beleuchtet wird. Zwei Leuchtstoffröhren hängen von der Decke. Die Szene wirkt theatralisch.
© Maximilian Borchardt
© Inke Johannsen

Anais Clerc

Anaïs Clerc (*in Fribourg, Schweiz). Viele Kühe, zu wenig von allem. Studiumsversuche auf Lehramt und in Sozialpädagogik / alle wollen etwas werden, Anaïs fand es anstrengend, zu sein.
Sie fand durch Jugendprojekte und einen pädagogischen Zugang zum Theater und studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste in Berlin. Seit drei Jahren sind ihre Texte u. a. am Volkstheater München, am Salzburger Landestheater, am Schauspiel Essen und an den Autor:innentheatertagen am Deutschen Theater Berlin zu sehen.
In der Spielzeit 2022/23 absolvierte sie das Förderprogramm Dramenprozessor des Theater Winkelwiese in Zürich und gewann zeitgleich mit der Stückentwicklung befristet/ für immer, eine Arbeit mit dem Regisseur Tanju Girisken, den Publikumspreis des Körber Festival Junge Regie. 2023/24 war sie Hausautorin an den Bühnen Bern und wurde mit brennendes haus für den Autor*innenpreis des Heidelberger Stückemarkts nominiert.
Kurz danach gewinnt der Text in der Inszenierung von Amelie von Godin, mit der sie eine längere Zusammenarbeit verbindet, den Nachwuchswettbewerb des Theater Drachengasse in Wien.
In ihren Texten setzt sie sich mit sozialer Ungerechtigkeit, politischen Fragen und konkreten Figuren, die oft auf wahren Begegnungen basieren, auseinander. Anaïs arbeitet gerne in Stückentwicklungen und gemeinsamen Prozessen.
Sie ist ausserdem für Kinder - und Jugendtheater als Jurorin tätig und gibt regelmässig
Schreibworkshops an Schulen. Seit April 2025 ist sie Inhaberin des Schweizer Literaturstipendium der Lydia-Eymann-Stiftung und arbeitet an ihrem ersten Roman SCHLUCHTEN (AT). Anaïs lebt in Berlin und in der Schweiz.

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