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Anaïs Clerc
Vom Hadern mit der Weichheit
Die Schweizer Dramatikerin Anaïs Clerc, deren Arbeiten zuletzt u. a. in München, Bern und bei den Autor*innentheatertagen Berlin zu sehen waren, lotet in ihrem Essay Strategien des Widerstands gegen rechte Kräfte aus. Sie blickt auf ihr eigenes Hadern zwischen Wut und Weichheit, zwischen Abgrenzung und Gespräch und begibt sich auf die Suche nach einer gemeinschaftsstiftenden Utopie.
Der Mond ist für mich seit meiner Kindheit ein geliebter, bewunderter Sehnsuchtsort – Ich habe mir vorgestellt, dass er auf die Erde hinunterschaut, uns alle beobachtet und uns in richtig schlimmen Momenten mit seinem Licht beschützt. Dass er alles sieht, alles bewacht, mit einem romantisch liebevollen Blick kontrolliert. Dass er mit seiner prägstubigen Oberfläche, die ich mir absolut verformbar, wie Knetmasse vorgestellt habe, eine Weichheit bereithält, von der wir auf der Erde nur träumen können.
So geht es auch den Figuren ANTJE und SIE in „faulender Mond“ – Für beide hat der Mond eine größere Bedeutung, verbindet sie mit ihrer Vorgeschichte und erklärt, warum sie in einem Wurstsonderpostenmarkt arbeiten. Wir erfahren, dass sie eine völlig unterschiedliche politische Auffassung haben, und warum ANTJE sich an einem Tisch mit einer rechten Partei wohl fühlt. Doch wie geht SIE damit um? Lohnt es sich, mit ANTJE zu sprechen? Am Schluss bleibt nur der Mond übrig.
Meine persönliche Faszination für den Mond ist irgendwann der Realität gewichen, hat sich verflüchtigt, der Wunsch nach Schwerelosigkeit ist geblieben und parallel zur Wut gewachsen. Ja, Wut. Dazu kommen Angst, Trauer, Fassungslosigkeit. Jeden Tag mehr.
Es ist, was viele empfinden, wenn wir auf die soziopolitischen Veränderungen der letzten drei, besonders letzten zwei Jahre zurückgeworfen werden. „faulender Mond“ ist entstanden, als der erste Landrat einer rechtspopulistischen Partei gewählt wurde. Knapp drei Jahre später ist die Partei zweitstärkste Kraft im Deutschen Bundestag und wird dem rechtsextremen Spektrum zugeordnet. Die Stimmung ist schon lange nicht mehr ungemütlich, sondern brandgefährlich.
Wie viele frage ich mich, wie das passieren konnte. Und wie wir jetzt mit dieser Situation umgehen können. Es gibt keine Zeit zu verlieren, und was Hoffnung, Aufschwung und Vertrauen gibt, ist, die gerade in dieser Zeit entstandenen Banden zu betrachten, sie weiter auf- und auszubauen und sich über sie zu freuen. Kollektive werden gegründet, Organisationen gewinnen an Kraft, Zusammenschlüsse entstehen. Es gibt immer mehr Menschen, gerade auch in Theaterbetrieben, die sich mobilisieren, sich gegenseitig bekräftigen und mit Workshops und Angeboten alle Energie investieren, zweite Baseballschlägerjahre um jeden Preis zu verhindern.
Während notwendige Haltung bezogen wird, entstehen aber auch neue Grenzen. Wer kämpft auf unserer Seite und wer auf der anderen? Und wie unterscheiden wir genau? Wen nehmen wir nicht mit? Wie frei zugänglich sind unsere Vorschläge und welche Sprache verwenden wir dafür? Wer wird nicht mit Absicht, sondern aus Unachtsamkeit bei diesen Prozessen ausgeschlossen?
Wer kann und darf eine Bühne bekommen? Darf eine Figur wie ANTJE, die eine bestimmte Art von Gedankengut zwar nicht unterstützt, sich aber darin ausruht, überhaupt noch gezeigt werden? Damit hadere ich als Autorin immer noch. Womit ich aber auch hadere, ist die Vorsicht und Weitsicht, mit der wir die eigenen Reihen überprüfen und es noch heute tun.
Kann ein Widerstand gegen eigene Exklusionsmuster auch ein Widerstand im Kampf gegen rechte Kräfte sein? Wann gilt es, diese noch einmal zu überprüfen, und wann gilt es, mit aller Vehemenz und Härte daran festzuhalten?
Die Gefährlichsten sitzen oben, die Gefährlichsten wollen zum Mond. Was können wir tun, damit sie ihn nie ganz bekommen? Kann es ein Widerstand sein, dieses Hadern über die Entscheidung, wo wir hart bleiben müssen und wo weich werden von Vorteil sein kann, auszuhalten?
Es ist die Suche nach einer gemeinsamen, klassenlosen Sprache, nach einer universellen Lösung, die uns vielleicht zum Verzweifeln bringt, die es aber fortzusetzen gilt. Es ist ein Hadern um Haltungen, es ist die Entscheidung, wo eine Grenze gezogen wird und wo verhandelt werden kann, weil das Weichbleiben die Chance einer Umstrukturierung, einer neuen Begegnung bietet. Und es ist das Aushalten dieses Haderns. Es ist aber auch die Entscheidung, Härte zu zeigen, wenn jegliches Wort nicht mehr durchdringt, ganz klar.
Und natürlich bleibt es eine Utopie, dass sich alle ändern können, dass es möglich ist, eine politische Gesinnung mit Gesprächen in eine neue Richtung zu lenken. Aber in einer Zeit, in der so vieles erdrückend wirkt, brauchen wir nicht gerade dann ein starkes Wunschbild, dass es zu unterstützen und erreichen lohnt? Auch wenn wir wissen, wir können es niemals hundertprozentig erreichen.
Kann es ein Widerstand sein, trotz allem weich zu bleiben? Kann es ein Widerstand sein, die zeitlichen und emotionalen Energien, die wir aufbringen können und wollen, wieder vermehrt in persönliche Beziehungen zu investieren, in die ganz kleinen Momente und Dinge? Und so Mensch für Mensch zu gewinnen für einen erneuten politischen Umschwung?
Ich habe gehadert, als ich dieses Stück geschrieben habe, und ich hadere, wenn ich diesen Essay schreibe. Woran ich festhalte bei allem Zweifeln, ist für mich die Aufgabe, die eigenen Reihen immer wieder kritisch auf Exklusivität zu überprüfen.
Ich schreibe diesen Text als weiße Person. Menschen, die strukturell benachteiligt sind, die jeden Tag diskriminiert werden und am eigenen Körper bedroht sind, haben eine andere Ausgangslage, die ich mir nicht aneignen kann und möchte. Ich kann gewisse Gespräche und Diskussionen führen, weil ich dabei nicht persönlich als Mensch angegriffen werde, weil ich keinen körperlichen und/oder psychischen Übergriff fürchten muss. Das dürfen wir, die wir in dieser Situation sind, nie vergessen oder unterschätzen. Gerade deswegen ist das Hadern als Ally unsere Aufgabe.
Damit es nicht nur ein Kampf gegen, sondern für etwas ist. So stark für etwas, für das Richtige, für eine Gesellschaft, in der Hass, Angst und Wut wieder kleiner werden, dass das Falsche daneben verblasst bis zum Verschwinden.
Auf ein kollektives nach oben Treten. Auf ein kollektives Überzeugen, Verändern und Beeinflussen von den Menschen, die nicht aus Hass, sondern aus Angst und Einsamkeit heraus Lügen und verheerende Vorstellungen unterstützen und wählen. Dass wir, die wir sie nicht in konkreten Alltagssituationen aushalten müssen, uns einen Tritt geben und uns immer wieder in Momenten auseinandersetzen, in denen wir Rassismus nicht erfahren, aber ihm begegnen, und diese Augenblicke nicht wegignorieren, sondern eine klare und laute Haltung dazu einnehmen. Auf dass der Mond nicht wegschauen muss, auch nicht bei denen in den eigenen Reihen.
Damit alle, die Angst haben, die sich allein fühlen, an ein demokratisches Miteinander glauben können und sich dafür entscheiden, immer und immer wieder.
Weitere Informationen zur Produktion am TuP Essen finden Sie hier. Nächste Spieltermine: 24.06.2026 / 02.07.2026.