Theater
Interview
Beth Steel
Beth Steel im Gespräch mit Dramaturgin Sophie Hein
Sophie Hein: Gab es einen bestimmten Moment, ein Bild oder eine Begegnung, von dem aus Sie das Stück entwickelten?
Beth Steel: Ich wusste, dass ich ein Theaterstück rund um eine Hochzeit schreiben wollte, einen Tag, der für ein Paar von enormer Bedeutung ist und das Leben aller Familienmitglieder dramatisch verändern würde. Ich wollte das ganze Leben auf der Bühne einfangen; mit überschwänglicher Energie für eine ganze Reihe von Figuren schreiben. Schon sehr früh in der Entstehungsphase des Stücks hatte ich eines Nachts einen Traum: Ich sah eine Hochzeitsgesellschaft an einem langen Tisch in einem Moment puren Glücks – eine ganze Familie, die in Applaus und Gelächter ausbrach – und dann sah ich, wie eine Braut ihre Finger zusammenführte und die Zeit anhielt. Die gesamte Sequenz, die den zweiten Akt beendet, schien mir in diesem Traum vollständig vor meinen Augen zu entstehen.
SH: Das Stück rückt Menschen der Arbeiterklasse ins Zentrum. Wie wichtig war es Ihnen, diesen Geschichten eine Bühne zu geben und warum?
BS: In der Kultur findet man selten zeitgenössische Darstellungen von Menschen aus der Arbeiterklasse, die in Städten wie meiner leben. Doch diese Menschen sind wichtig, wie alle Menschen, und machen tatsächlich eine riesige Bevölkerungsgruppe aus. Und doch scheint die kulturelle und politische Elite ihre Existenz oft erst dann wahrzunehmen, wenn ein Ereignis von großer Tragweite eintritt (Parlamentswahlen, Brexit). Was ich am Theater liebe, ist, das Leben anderer Menschen in Echtzeit mit ihnen zu erleben; sie in all ihrer Schönheit und Hässlichkeit zu begegnen; mit ihren Träumen und ihrer Verzweiflung und der damit verbundenen Verwirrung.
SH: Ihre Figuren scheinen sich an einem bestimmten Punkt in ihrem Leben festzuhalten, als wollten sie jegliche Veränderung aufhalten. Wie sehen Sie ihren Blick auf die Zukunft?
BS: Veränderungen faszinieren mich, und das ist einer der Gründe, warum ich Tschechows Stücke so liebe, denn genau das ist sein großes Thema. Heute, wie zu Tschechows Zeiten, spüren die Menschen, dass tiefgreifende Veränderungen bevorstehen... die Welt verändert sich, und wir wissen es. Wir können das Ticken einer Uhr oder einer Bombe hören; noch wissen wir nicht, was es ist. Aber wie Menschen auf Veränderungen reagieren – mit Angst und Aufregung – interessiert mich, und ich habe großes Verständnis dafür.
SH: Sie arbeiten einerseits sehr realistisch, wir erleben den Hochzeitstag fast in Echtzeit. Andererseits gibt es Momente, die aus der Zeit zu fallen scheinen und eine fast kosmische Dimension annehmen. Wie haben Sie diese zwei Ebenen zusammengedacht?
BS: In gewisser Weise habe ich das Gefühl, dass dies die Welt, wie wir sie erleben, treffend beschreibt. Auf Erleuchtung folgt Banalität, es gibt Staunen und Gleichgültigkeit; die Welt ist geheimnisvoll, und wir sind ein Rätsel füreinander und für uns selbst. Ich versuche stets, das Gefühl einzufangen, dass wir nur für kurze Zeit auf dieser Erde sind, wie bemerkenswert das ist, doch meist hören wir nur die unaufhörlichen Schreie unserer Wut und unserer Begierde, unseres Schmerzes und unserer Liebe.
WENN DIE STERNE FALLEN
von Beth Steel, deutsch von Jessica Higgins
Regie: Christian Schlüter, Bühne, Kostüme: Anke Grot. Dramaturgie: Sophie Hein.
Mit: Verena Maria Bauer, Ronald Funke, Stefan Haschke, Lua Mariell Barros Heckmanns, Hans-Christian Hegewald, Sascha Maria Icks, Thomas Kienast, Hanna Poniatowski (als Sarah, in den folgenden Inszenierungen wird auch Eva Selinger Sarah spielen), Lilly Theis, Monika Vivell.
Premiere am 11. April 2026
Weitere Informationen zur Produktion am Theater Osnabrück finden Sie hier.