Theater
Interview
Tara Meister
Drei Fragen an ... Tara Meister
Ein Aufbegehren im „Wörtersee“: Tara Meisters Neudichtung des Undine-Mythos
Der „Wörtersee“, einst eine vergnügungssüchtige Stadt, die mitsamt ihrem Ballsaal zur Strafe geflutet wurde und nun als stummes Aquarium ruht. Hier unten herrschen die „Störe“, ein Fisch-Kollektiv, das die Ruhe bewahren will. Doch Undine ist erwacht. Und sie will hinauf. Ihr Weg an die Oberfläche ist hier kein romantischer Gang in die Erlösung, sondern eine schmerzhafte Konfrontation mit einer Welt, in der weibliche Körper oft nur als Gefäß oder „Laich“ dienen. Statt den Opfertod der kleinen Meerjungfrau zu wiederholen, formiert sich eine unerwartete Solidarität. Unsere Kollegin Johanna Schwung hat mit Tara Meister darüber gesprochen, wie man dem Schweigen eine Stimme abringt und warum Monster manchmal die besseren Vorbilder sind. Ein Interview über Tara Meisters neues Stück WAS UNDINE WECKTE.
Liebe Tara, in deinem Stück "Was Undine weckte" bedienst du dich verschiedener Wassermythen. Was war der Auslöser für dieses Stück und wie hast du die verschiedenen literarischen Vorbilder und Mythen zusammengenommen und verbunden?
Auslöser für dieses Stück war für mich der Text „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann, von dort bin ich tief in verschiedene Mythen rund um Nymphen und Nixen eingetaucht. Immer wieder die Motivik von Wasserwesen, Gefahr und Stimme. Mich hat vor allem der Begriff der Monstrosität interessiert. Wer zum Monster gemacht wird und von wem, aber gleichzeitig auch: was macht das Monster-sein möglich? Inwiefern löst und erlöst es aus Konventionen und Geschlechtszuschreibungen. Dem wollte ich, unter anderem über die Auseinandersetzung mit entgrenzter/ausufernder Sprache, nachgehen.
Dein Stück bricht mit dem klassischen Bild der leidenden Nixe. Statt Sprachlosigkeit und Opferschicksal zeigst du Widerstand und eine eigene Stimme. Wie kam die Idee, die Geschichte nicht als romantische Opferung, sondern als kollektives Erwachen zu erzählen?
Das Opfer, bis hin zur schönen Wasserleiche, in ihrer Passivität formvollendet, wollte ich in dem Text natürlich nicht reproduzieren. Mir ging es um ein vielstimmiges, dialogisches Bearbeiten und Beackern des Stoffes, das fließt, überschwappt und sich ausbreitet, ein kollektives Lauterwerden, ein Brodeln sozusagen, also Bewegung statt Starre.
Ich glaube, den in dem Text enthaltenen Themen, wie dem Verhältnis von Geschlecht, Gewalt und Sprache zueinander, kann man sich am ehesten forschend, fragend nähern.
Dein Text ist sehr poetisch mit einer ganz eigenen, fließenden Musikalität: Du erzeugst einen regelrechten Sprach-Sog. Welche Bedeutung haben Klang, Rhythmus und Sprache für dich?
Dazu gibt es viel zu sagen. Grundsätzlich finde ich, dass ein Sprechtext sich des Akts des Sprechens zu jeder Zeit bewusst sein muss. Es geht ja nicht rein um Vermittlung eines Inhalts, sondern darum, während des Sprechens etwas über Sprache herauszufinden, denke ich. Für mich spielen Klang und Rhythmus so eine große Rolle, weil sie Text auf anderen Ebenen fassbar machen, gegenständlich, haptisch. Sie sind wie Werkzeuge, die erlauben, sich dem Stoff auf verschiedene Weise zu nähern und auf ihn einzuwirken.
Vielen Dank, liebe Tara, für das schöne Gespräch und das Eintauchen in die Tiefen und Untiefen deines Wörtersees.