Svealena Kutschke & Jakob Nolte & Ewald Palmetshofer & Ebru Nihan Celkan & Nele Stuhler & Thomas Perle

GEGEN DAS DRAMATISCHE VERSCHWINDEN – Vorwort der Herausgeber.innen

GEGEN DAS DRAMATISCHE VERSCHWINDEN – Vorwort der Herausgeber.innen

Wir freuen uns sehr, unsere Publikation Dramatische Rundschau 02 präsentieren zu können. Darin versammeln sich acht zeitgenössische Theaterstücke, sprachgewaltige und komische, philosophische, poetische, erschütternde, aufmunternde. Ihre Formen sind so vielfältig wie ihre Themen. Das Buch ist so etwas wie ein dramatischer Reiseführer durch das Gespräch der Gegenwart. Hier finden Sie exklusiv das Vorwort der Herausgeber.innen in leicht veränderter und deutlich gekürzter Form.

 

GEGEN DAS DRAMATISCHE VERSCHWINDEN
Es gibt eine Sehnsucht nach Körperlichkeit, die mit jedem Tag der Distanzierung wächst. Ausgerechnet in Zeiten größter Unsicherheit darf Begegnung nicht mehr stattfinden. Und damit auch Austausch. Die Theater sind mal wieder geschlossen. Und das scheint irgendwie folgerichtig. Denn die Idee von Theater ist das Gegenteil von Isolation. Theater denkt Kunst ausschließlich gemeinsam − als Zusammenspiel. Was für eine wunderbare Anmaßung. Gleichzeitig auch eine schwere Bürde. Denn das bedeutet nichts anderes, als unaufhörlich miteinander im Gespräch sein zu müssen. Vor, hinter und auf der Bühne. Nicht ohne Grund hat das Theater den Dialog zum Kern seiner literarischen Identität gemacht. Mit Hilfe der Dramatik öffnet sich das Gespräch formvollendet zum Publikum. Denn auch das Publikum gehört zum Zusammenspiel. Ohne Zuschauende wäre Theater nicht existent. Jede Inszenierung findet erst im Erlebtwerden ihre eigentliche Bestimmung. Momentan ist es still im Zuschauerraum. Die dramatischen Gespräche sind verstummt. Damit sie wieder aufgenommen werden können, müssen wir uns klar machen, wie fragil dieses Gefüge ist. Dramatikerinnen werden durch Auftragswerke und eine Beteiligung am Verkauf der Eintrittskarten bezahlt. Das rechnet sich vor allem, wenn ein Theaterstück auf der großen Bühne gezeigt und vor großem Publikum gespielt wird. Die jetzige Situation ist für alle Dramatiker katastrophal. Theaterschließungen und reduzierte Zuschauerzahlen führen − wenn überhaupt − nur zu einem Bruchteil der geplanten Einnahmen. Die Zukunft zeitgenössischer Dramatik liegt in der Hand der Theater. Und gerade die Theater werden versucht sein, kommende Spielpläne mit Klassikern zu bestücken, für die es keine Tantiemen zu zahlen gibt. Das ist nachvollziehbar. Denn die Theater stehen unter großem Druck. Schon jetzt verkünden erste Städte empfindliche Subventionskürzungen für das kommende Jahr. Diese Entwicklung ist beunruhigend für neue Dramatik. Weil wir uns nicht leisten können, auf sie zu verzichten. Es wäre so, als ob wir ein Angebot zum Gespräch ausschlagen. Wenn das Gespräch das eigentliche Herz des Theaters ist, dann ist die zeitgenössische Dramatik sein Blutkreislauf. Sie pumpt die Sprache der Gegenwart in unser Köpfe und lässt den Austausch nie ruhen. Theaterstücke sind die literarische Basis unserer noch zu führenden Gespräche. Wir können es uns nicht leisten, darauf zu verzichten. Die kommenden Monate werden für das Theater anstrengend und mühsam. Gleichzeitig lohnt sich das Festhalten. Denn wir werden das Theater und seine Dramatik dringend brauchen, um nach diesen düsteren Monaten wieder miteinander ins Gespräch kommen zu können.

 

Leicht veränderte und deutlich gekürzte Version des Vorworts der HerausgeberInnen unserer Dramatischen Rundschau 02 mit Stückabdrucken von Ebru Nihan Celkan, Eleonore Khuen-Belasi, Annalena Küspert, Svealena Kutschke, Jakob Nolte, Ewald Palmetshofer, Thomas Perle und Nele Stuhler. Johanna Benz hat zu allen Theaterstücken wunderbare Illustrationen gezeichnet, die das Buch zu einem kleinen Gesamtkunstwerk machen.


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