Kathrin Röggla

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Verfahren
Auftragsarbeit für das Saarländische Staatstheater Saarbrücken
UA: 5. April 2022 · Saarländisches Staatstheater Saarbrücken · Regie: Marie Bues und Mazlum Nergiz
„Das Gericht kann nur das Vergangene behandeln, wir haben so viel Zukünftiges hier, kein Wunder, dass es nicht klappt.“

Der Prozess gegen die Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrund wurde von Beobachtern als wichtigstes Gerichtsverfahren seit der Wiedervereinigung und Blick in den Abgrund der Deutschen Gesellschaft beschrieben. 9 Morde und 58 weitere rassistisch motivierte Taten wurden in einer Zeitspanne von 438 Tagen in München verhandelt. Aufklärung, Gerechtigkeit, Bestrafung und Erlösung; die Erwartungshaltungen an den Prozess und das daraus resultierende Urteil waren kaum zu erfüllen.

Die Schriftstellerin und Dramatikerin Kathrin Röggla verdichtet den Jahrhundertprozess in fünf Akten und rückt dabei die Wahrnehmung der Besucher in den Mittelpunkt. Sie lässt eine Gruppe aus der Mitte der Gesellschaft im Gerichtssaal miteinander ankommen, warten, beobachten und hoffen. Durch die Augen der Figuren wird eine theatral angeordnete Wahrheitssuche vorgeführt, bei der die Zuschauerschaft dem Ablauf eines langjährig erprobten Gerichtsballetts beiwohnt. Vom Podium im Gerichtssaal aus diskutieren sie über die Verhandlung, die Angeklagten, den Richter, den Senat und die Rolle der Nebenkläger und stellen damit auch den Rechtsstaat auf den Prüfstand. Wie konnte die NSU 14 Jahre lang unentdeckt Terror verbreiten? Welche Rolle spielte der Verfassungsschutz? Warum wurden aus den Opfern Verdächtige gemacht? Kann dieser Prozess die Gesellschaft verändern? Und vor allem: Ist das letztendlich gefällte Urteil genug um allen Erwartungen gerecht zu werden? Die Meinungen zu diesen Fragen gehen bei den Figuren auf dem Podium ebenso auseinander wie in der deutschen Gesellschaft.