Die Gesellschaft stagniert politisch, ökonomisch, sozial. Es mangelt ihr an einer zukunftsfähigen Vision einer lebbaren Welt. Das Fortschrittsversprechen von einst wird in einen Strudel aus Warenströmen, Katastrophenängsten, Machtverlust und Geldgier gerissen und in die Tiefe der Depression gezogen. Der Aufbruch zu neuen Ufern in andere Welten erscheint da als einzige Lösung am Horizont. Die angeschlagene und ausgehöhlte Zivilisation muss wieder nach vorne gebracht werden, denkt sich Iolkos, eine mittlere Hafenstadt nördlich von Theben. Es ist die Geburt des Argonauten-Mythos, der Erzählung von der ersten gesamtgriechischen Expedition ins ferne Kolchis an der Schwarzmeerküste, im heutigen Georgien gelegen. Dort vermutet man ein sagenhaftes Goldenes Vlies, das die Lösung aller Probleme verspricht. Das Goldene Vlies oder die „fremde Sonne“ ist wie der Heilige Gral im Mittelalter ein Heilsversprechen. Es symbolisiert eine glänzende Zukunft, weltbeherrschendes Wissen, Reparatur, Reichtum, und vor allem: ewige Jugend. Die „fremde Sonne“ bedeutet aber auch Gefahr, Verbrennung, Unberechenbarkeit. So gerät das Unterfangen der Argonauten zur „Mission Impossible“, zur Fahrt in den Untergang. Nur der Kolcherin Medea ist es zu verdanken, dass das Goldene Vlies schließlich doch noch nach Griechenland gelangt. Im Kern dreht sich Fremde Sonne um den Hegemonialanspruch einer Zivilisation über die ganze Welt, nein, eigentlich über das ganze Universum. Die kosmische Machtgier ist gekoppelt an den Besitz von Information, Wahrheit, an die Deutungshoheit über die Weltgeschichte und die Gewalt über die Konstruktion von Wirklichkeit.
(Ankündigung Schauspielhaus Hamburgg)