Kathrin Röggla

DRAMA @ HOME Mikrodramen: EINARMIGER BANDIT (oder im Realismus baden gehen)

(zu ihm) Was hat sie gesagt? Ich verstehe sie sehr schlecht. Kann jemand das Gerät
lauter stellen. Oder mir zumindest übersetzen, was sie sagt, ich kann sie kaum
verstehen. 

Hallo! Wir können hier nicht weitermachen, wenn mir niemand hilft.

Gut. Klappt ja doch.

 

(zu ihr) Da sind so viele technische Geräusche, hören Sie das nicht? Sie müssen
wohl taub sein. Störgeräusche, Rauschen, Krachen. Das muss doch nicht unbedingt
notwendig sein. Können Sie das irgendwie neu starten?

 

(zu ihm) Und kann mir jemand mal das Glas auf den Tisch stellen? Danke!

Also jetzt weiter im Text.

 

(zu ihr) Nein, Sie müssen ein bisschen näher ins Mikro sprechen, Sie sind ja kaum zu
verstehen. Nuscheln Sie immer oder habe ich Sie erschreckt?

Dachte ich mir doch.

 

(zu ihm) Bitte, würden Sie mich ein wenig zudecken, ja, so ist es gut. Vielen Dank.
Mein rechtes Bein müsste auch bewegt werden. Ich glaube, es ist wieder so weit, ja -
danke.

 

(zu ihr) Also was wollten Sie mir sagen? Haben Sie Neuigkeiten? Ich kann hier
Neuigkeiten brauchen. Sie haben sicher wieder nur neue Zahlen - Sie kommen doch
immer mit neuen Zahlen.

 

(zu ihm) Danke!

 

(zu ihr) Sehen Sie, mein Bewegungsspektrum hat sehr abgenommen, ich komme ja
nicht mehr rum, praktisch nicht mehr vor die Tür, aber dass es jetzt allen so geht,
hätte ich mir nicht träumen lassen. Das ist wie ein schlechter Witz, nicht?

 

(zu ihm) Bitte? Ach so…

 

(zu ihr) Wir haben also keine Rückmeldungen. Ich dachte, irgendwelche Zahlen sind
eingetroffen. Wir starren ja derzeit den ganzen Tag auf irgendwelche Zahlen und
halten sie für aussagekräftig, und ausgerechnet jetzt fehlen sie uns. Es gibt doch
Hochrechnungen, aber nein, nichts, nur diese Dunkelziffern. Nur Ahnungen und
Schätzungen.

 

(zu ihm) Herr Gott nochmal, kann jemand die Dame übersetzen, ich verstehe sie
nicht!

Und jetzt möchte ich bitte aufhören, ich möchte mit unserem Gespräch aufhören.

 

(zu ihr) Wieso? Es ist Zeit. Das sagten Sie doch selbst. Höchste Zeit. Wir stehen
unter Handlungsdruck.

 

(zu ihm) Können Sie bitte für mich auflegen? Sie redet ja immer weiter. Ich möchte
das nicht mehr hören.

Ja, ja, sie faselt etwas von Solidarität, soviel habe ich schon verstanden, und gleich
wird sie von Werten sprechen. Aber das verstehe ich so schlecht, wenn jemand mit
Moral kommt, dann ahne ich was danach kommt. Ich kriege Alpträume davon.
Lassen Sie mich -

Also lassen Sie mich, lassen Sie mich einmal in Ruhe trinken. Halten Sie den Becher
bitte anders. Und dann legen Sie bitte auf.

Legen Sie bitte auf!

Ja, so ist gut.

 

© Rechte liegen bei der Autorin

Pro Tag wird ein Mikrodrama veröffentlicht. Auf unserer Website befinden sich die vollständigen Stücke zur Ansicht. Einen kleinen Vorgeschmack bieten die "Teaser" auf Instagram und Twitter. Gerne senden wir aber auch pdf-Dateien zu; einfach theater@fischerverlage.de anschreiben. Wir freuen uns über alle Filme, Bilder, Dokumentationen dieses dramatischen Experiments, die mit uns geteilt werden. #dasdramaverbindet #dasdramalebt #dankanalle


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