Kathrin Röggla

Queen of Questioning

Queen of Questioning(c) Jessica Schäfer

Im März 2022 bekam Kathrin Röggla den Else-Lasker-Schüler-Preis verliehen, kurz darauf wurden zwei neue Stücke von ihr erfolgreich uraufgeführt. Warum Kathrin Rögglas Dramatik auf einmal wieder so präsent und genau richtig ist, um Licht in das Chaos einer überkomplexen Welt zu bringen, davon erzählt Friederike Emmerling.

 

„Wir werden um ein Kurzzeitchina nicht herumkommen“, ruft das Kind in Kathrin Rögglas neuestem Stück Das Wasser. Aber halt nicht für immer. Das sieht selbst die Bürgerin so. „Wir müssen zu einer Art Kurzzeitchina werden, das allerdings gleich wieder aufhört, haben wir die wichtigsten Maßnahmen umgesetzt.“ Sämtliche Widersprüche global demokratischen Handelns in einem Satz. Schonungslos. Entlarvend. Grotesk komisch. Kathrin Röggla bekam 2022 den Else-Lasker-Schüler-Preis 2022 für ihr dramatisches Werk. Und das völlig zu Recht. Anfang der 2000er Jahre trat sie mit ihren journalistisch recherchierten Konjunktivstücken einen Triumphzug durch die Theater an. Sie wurde für den erbarmungslosen Finger in der Wunde einer immer wieder an ihren eigenen Ansprüchen scheiternden Gesellschaft gefeiert. Die Themen ihrer Stücke lesen sich wie eine Chronik der letzten 20 Jahre, von 9/11 und Natascha Kampusch über Schuldenfallen, Kinderkriegen, Flughafenausbau, Weltpolitik, NSU und Klimakrise (um nur einige zu nennen) ist fast alles dabei. Dabei ging und geht es nicht um die tatsächlichen Ereignisse, sondern um den Umgang damit. Das psychologische Well-Made-Drama interessiert Kathrin Röggla weniger als die sprachliche Versuchsanordnung. Mit den Mitteln des Journalismus seziert sie gesellschaftliche Stereotypen und klopft sie von allen Seiten ab. Es geht ihr nicht um Bewertung, sondern um Betrachtung, nicht um Belehrung, sondern um Offenlegung. Ihre Figuren tragen oftmals beredte Namen wie „Gerichtsopa und Erklärbursche“, „Sogenannterausländer“, „Frau mit Zukunft“, „DER ENGAGIERTE“ oder „RABENMUTTER“. Mit zugespitzter Komik lässt Kathrin Röggla Klischees aufeinanderprallen. Gesprochen wird viel, gehandelt wenig. Das ist nur konsequent, denn es finden sich immer ausreichend Gründe, nicht handeln zu können. Und damit ist Kathrin Rögglas Dramatik im Dilemma des Jetzt angelangt: Welches Handeln ist eigentlich genau richtig? Und wie kann ich andere überhaupt von der Richtigkeit überzeugen?

 

Kathrin Rögglas eigenes Engagement liest sich beeindruckend. Vizepräsidentin der Akademie der Künste, Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Bayrischen Akademie der Schönen Künste, Poetikdozenturen in Saarbrücken, Zürich und Bamberg, seit 2020 Professorin für „Literarisches Schreiben“ an der KHM Köln. Diese große Energie macht sich auch in ihren Stücken bemerkbar. Über die jüngste Uraufführung von Das Wasser in Dresden schrieb die Dresdner Morgenpost, dass man sich - also uns, denn niemand anderes sind Rögglas Figuren - beim Wegschauen zugesehen habe und dass das nachwirke, dass unser aller Tatenlosigkeit pointiert zugespitzt werde. „Ein Theaterstück, das jeder sehen sollte,“ jubelte die Sächsische Zeitung und die Deutsche Bühne schrieb, „Dass es an diesem Abend kongenial zum Krachen kommt, dass Widersprüche scheppernd kollidieren, verdankt sich zweierlei: zum einen dem mit sarkastischer Verve geschriebenen Text der Sprachzerstäuberin- und seziererin Kathrin Röggla, zum anderen der phänomenalen Regiehandschrift Jan Gehlers.“ Die nachtkritik besang ihren erbarmungslosen Humor: „In pointiertester Sprache kabarettistischer Qualität gefasst, wie zu erwarten war, von schwärzester oder schwarzgrüner Ironie, so wirklich, dass es bitterböse wirken muss.“ In Zeiten unüberschaubarer Katastrophen braucht es Künstlerinnen wie Kathrin Röggla mehr denn je. Ihre eigenwillige Mischung aus Drama und Recherche, aus Sachlichkeit und präziser Sprachgestaltung, aus bösem Witz und abgründigen Wahrheiten hinterfragt unsere Komfortzonen. Sie nutzt die Vielstimmigkeit der dramatischen Form, um Recherchiertes zum literarischen Krisengespräch zu verdichten und die fließenden Grenzen zwischen beredter Phrasendrescherei und dringlichem Anliegen offenzulegen. Bei ihrem Schreiben gibt es kein Entkommen. Schlussendlich sind wir immer alle gemeint, ob es uns gefällt oder nicht. Wir scheitern fortwährend, während wir behaglich aneinander vorbeireden. Darüber kann auch die freundliche Verabschiedung der Gerichtsdienerin im Verfahren einfach nicht hinwegtäuschen: „Sie haben das alle sehr gut gemacht. Sie waren ja richtiggehend beteiligt, und haben das gut hingekriegt. Wir haben unterwegs nur eine Person verloren, nein zwei oder drei. Mehr aber nicht.“

 

VERFAHREN
Auftragsarbeit für das Saarländische Staatstheater Saarbrücken
Uraufführung: 5.4. 2022, Saarländisches Staatstheater Saarbrücken
Regie: Marie Bues
Besetzung: 3 D, 4 H

 

DAS WASSER
Auftragsarbeit für das Staatsschauspiel Dresden
Uraufführung: 7.4.2022, Staatsschauspiel Dresden
Regie: Jan Gehler
Besetzung: 3 D, 4 H


zurück zum Journal