Roland Schimmelpfennig

Das schwarze Wasser
Auftragsarbeit für das Nationaltheater Mannheim im Rahmen der Frankfurter Positionen
3 D, 3 H
UA: 10.01.2015 · Nationaltheater Mannheim · Regie: Burkhard C. Kosminski
Er trifft sie zufällig auf der Straße, abends nach der Arbeit, es ist schon dunkel und es regnet. Sie fängt plötzlich an zu weinen, und er fragt sie, ob er ihr helfen kann, immerhin kennen sie sich doch von früher – auch wenn sie schon lange nichts mehr miteinander zu tun haben.
Freunde von früher – und früher war alles egal, die Herkunft, das Geld, die Schule, die Eltern. Religion. Hautfarbe. Zusammen besoffen nachts an der Bushaltestelle. Die gleichen Tätowierungen. Und dann – Alte Sprachen studieren. Geschichte studieren. Heiraten, Kinderkriegen.
Oder Arbeit suchen und nicht finden. Heute ist eine Schuldirektorin, und der andere verkauft Autos, und eine sitzt an der Kasse im Supermarkt. Die Stadt ist groß genug, aber manchmal läuft man sich doch über den Weg. Lange her.
Du siehst gut aus.
Findest Du? Ich finde nicht.
Es regnet, und er bringt die weinende Frau zu ihrer Wohnung, es ist noch die alte Wohnung, in der Wohnung haben schon ihre Eltern gewohnt. Ein grün gestrichener Korridor. Arme Leute.
Und später fragt ihn seine Ehefrau: Alles in Ordnung? Ja, sagt er, aber von diesem Tag ist nichts mehr in Ordnung, nichts.
(Roland Schimmelpfennig)
Übersetzt in: Swedish